Der Einsatz in Afghanistan steckt fest. Man kann ihn nicht einfach abbrechen. Man kann aber auch nicht einfach Geld, Waffen und Fallschirmjäger auf das Land werfen und hoffen, dann werde schon alles besser.
Die zur Verfügung stehenden Mittel sind arg begrenzt. Die Zeit läuft ab. Was kann man machen? Probleme, die in der Vergangenheit liegen, lassen sich nicht lösen. Unser Einfluß auf das Verhalten der lokalen Akteure ist begrenzt. Diese sind nicht, wie es im eurozentrierten Diskurs besonders der deutschen Friedensbewegten immer wieder vorausgesetzt wird, passiv reagierende Opfer des Westens. Sie sind aktive, zielstrebige und aggressiv Handelnde mit eigenen Motiven und Strategien. Insbesondere sind sie nicht durch die Blumenwiesenerziehung deutscher Friedenskinderstuben geprägt sondern durch eine frühfeudale Stammes- und Kriegerkultur. Das kann man mit einem „Dialog“, der in Wahrheit meist nur ein Monolog deutscher Karl-May-Leser auf der Suche nach dem Edlen Wilden ist, nicht aus der Welt schaffen. Man muß damit zurechtkommen. Und ja: Man muß Feinde töten, um in diesem Land respektiert zu werden. Diese Dinge kann man nicht ändern.
Folgende durch uns selbst verursachte Probleme tauchen seit Jahren immer wieder in der Diskussion auf. Hier kann man etwas ändern.
Dem deutschen Kontingent steht zum Selbstschutz gegen offensiv handelnde Feinde nur der Luftangriff aus Bombenflugzeugen zur Verfügung. Dieses Mittel ist zum einen von der deutschen Öffentlichkeit und Politik unerwünscht, zum zweiten von der derzeitigen amerikanischen Strategie auf äußerste Notlagen beschränkt und ohne amerikanische Bomber nicht anwendbar, zum dritten immer wieder ungenau und dann möglicherweise kontraproduktiv gewesen.
Wir haben Tausende Soldaten im Einsatz, aber diese können ihre wichtigste Basis aus Mangel an Kampftruppe nicht gegen Feinde in Kompaniestärke verteidigen und müssen, das Mittel Bombenangriff außen vor gelassen, tatenlos zusehen, wie der Feind wenige Kilometer von der Basis entfernt Nachschubwege durchtrennt und militärische Operationen unter Einbeziehung lokaler Unterstützer durchführt. Das ist Realsatire für die Götter.
Die Ausrüstung der Soldaten ist nach wie vor mangelhaft. Insbesondere ist die dort sehr wichtige Nachtkampffähigkeit kaum vorhanden.
Die rechtliche und moralische Absicherung der Soldaten ist schlecht. Sie müssen sich darauf verlassen können, daß sie beim Waffeneinsatz gegen Feinde nicht wie Verbrecher sanktioniert werden.
Eigene Hubschrauber zur Rettung und Unterstützung aus der Luft gibt es eigentlich gar nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn es der Feind durch geeignete Wahl von Wetter und Uhrzeit nicht explizit erlaubt.
Zum Aufbau der afghanischen Polizei ist Deutschland aufgrund seiner föderalen Struktur und isolationistischer Illusionen in der Politik nicht fähig. Die Beamten, die freiwillig nach Afghanistan gehen, lassen sich nicht herbeizaubern. Was wir nicht haben, können wir nicht schicken.
Projekte wie Schulen, Kanalisationen oder Brücken werden lautstark vor Ort versprochen aber wegen schon geringer feindlicher Aktivitäten, mangelndem Einsatz an Menschen und Material, mangelndem Durchsetzungsvermögen gegenüber kriminellen Strukturen in der lokalen Regierung (Unterschlagung, Diebstahl, etc.) oder wegen zu langen und zu komplizierten bürokratischen Entscheidungswegen nicht durchgeführt. Daran scheitert letztlich alles in Afghanistan, und es ist auch eine Folge der obigen Fehler.
Es gibt sicher noch mehr Probleme. Diese hier sind jedoch offensichtlich geworden und sollten angegangen werden.
Was kann man also machen?
Zum einen könnte man Kampftruppe schicken. Aber woher nehmen? Und wie soll man verhindern, daß diese zusätzlichen Kompanien wirkungslos in der Weite des Raumes versickern? Die Truppenzahl alleine macht es nicht. Wir haben auch schon Tausende dort. Was tun die genau? Auf Patrouille und Aufbau gehen nur sehr wenige raus. 90% bleiben nach den üblichen Angaben die ganze Einsatzzeit im Lager. Was machen die dort? Man sollte untersuchen, ob sich dieses sehr ungünstige Verhältnis nicht optimieren ließe.
Man sollte die Einsatzdauer von 4 Monaten auf mindestens das Doppelte anheben. Das dürfte den Soldaten im Einsatz nicht schmecken. Man benötigt aber Erfahrung und persönliche Kontakte zu Einheimischen vor Ort statt aller vier Monate mit Neulingen bei Null anzufangen. Man muß das Verhältnis von Soldaten im Einsatz zu Soldaten in Vor- und Nachbereitung stark verbessern. Führungs- und Kontaktpersonal sollte deshalb auch länger im Einsatz bleiben als einfache Schützen. Dies reflektiert auch den unterschiedlichen Belastungsgrad zwischen Straßensperre und Kommandostellung.
Man sollte untersuchen, welche Aufbauprojekte sich warum verzögern. Dazu sollte es für jedes versprochene Projekt eine Deadline geben. Bei Überschreiten dieses Datums soll möglichst sofort eine Untersuchungsgruppe die Gründe für die Verzögerung angehen und öffentlich dem Bundestag berichten. Das Ziel aller beteiligten Behörden muß es sein, Hindernisse aus dem Weg zu schaffen statt sie zu vertuschen. Wer dazu nicht willens oder fähig ist, sollte an eine ihm angemessenere Position versetzt werden. Dies betrifft insbesondere die Bundeswehrverwaltung, die Stäbe und das Auswärtige Amt. Hindernisse für den Einsatz zugesagter Hilfsgelder sind offenzulegen und möglichst zu beseitigen.
Vom Polizeiaufbau sollten wir unbedingt die Finger lassen. Wir haben uns dabei schon so gründlich blamiert, wie es gründlicher kaum geht. Wir sind nicht in der Lage, die nötige Anzahl Ausbilder zu schicken. Vermutlich haben wir auch gar nicht die Ausbilder, die für eine Lage wie in Afghanistan qualifiziert sind. Dort sind die Straßendiebe mit Kalaschnikows, Granatwerfern und Panzerfäusten bewaffnet und haben Freunde in der Regierung. Ist so ein Szenario Teil unserer Polizeiausbilderausbildung?
Wenn die Truppe vor Ort aufgrund praktischer Erfahrungen Verbündeter und realer Probleme Ausrüstung wie die Panzerhaubitze 2000 oder den Leopard in passender Nachrüstung anfordert, sollte das Material geliefert werden. Ohne angepaßtes Werkzeug geht es nicht.
Das Hubschrauberproblem muß schnell behoben werden. Dazu kann man taugliche Helikopter samt Besatzungen von Verbündeten anmieten. Mit AH64 lassen sich Situationen wie die mit den Tanklastern in Kundus besser und präziser lösen als mit Bombenangriffen. Mit einer Staffel AH64 in Bereitschaft lassen sich auch erkannte Sprengfallen und Hinterhalte gezielt, zeitnah (und damit unter größtmöglicher Schonung Unbeteiligter) beseitigen. Nachtflugfähige Transport- und Rettungshubschrauber erhöhen die Wirksamkeit vorhandener Truppe ohne zusätzliche Infanterie oder Panzerfahrzeuge zu schicken.
Die Ausrüstung der Infanterie vor Ort muß nachtkampftauglich gemacht werden. Wir brauchen Scharfschützen und Jagdteams in Hubschraubern zur Bekämpfung von Heckenschützen. (Als Jagdhubschrauber dafür könnten eventuell von befreundeten oder verbündeten Nationen Mi24 bzw. dessen Abkömmlinge angemietet werden. Ohne Bedrohung durch moderne Luftabwehrwaffen sind sie für schnelle mobile Einsätze mit Luftunterstützung gut geeignet.)
Wir sollten Predators in der bewaffneten Variante anmieten, bis andere und bessere Möglichkeiten zu gezielten und minimalinvasiven Angriffen zur Verfügung stehen (AH64).
Es müssen Wege gefunden werden, Karsai und seine Bagage zur Raison zu bringen.
Weitere Ideen?
Vorläufer in dieser Reihe unausgegorener Ideen:
Kriegsziele
Eine nicht gehaltene Rede
Fragen zu Afghanistan
Bildschärfe militärischer Luftaufnahmen
