Wie kocht man einen Frosch?
Verfasst von califax am Dienstag, 29. September 2009
Eine Übernahme aus Zettels kleinem Zimmer zum neuen russischen Imperialismus:
Wie kocht man einen Frosch? Indem man ihn in den Topf setzt und das Wasser langsam, langsam, für ihn unmerkbar, hochköchelt. Zu Beginn noch einer Flucht fähig, wird der Frosch dennoch sitzenbleiben bis zum Siedepunkt, bis er nicht einmal mehr „bien cuit“ quaken kann, und ohne jemals gewahr zu werden, was ihm denn geschehen ist. Hans im Glück durchlebt ein ähnliches Schicksal – und freut sich auch noch über seinen Abstieg. In der Wirklichkeit heißt so etwas Salamitaktik oder Dominotheorie, oder, aus der Froschperspektive: „Frieden für unsere Zeit“ und „Politik der ausgestreckten Hand“.
Der Westen verspielt auf diese Weise nicht nur seine Städte und den Frieden im Innern, sondern auch sein Glacis gegen die geistige Mongolei im Osten. Uns verbindet so viel mehr – in lang hergebrachter Vergangenheit wie in einer wünschenswerten Zukunft – mit den Europäern, Demokraten und Christen in Kiew, Tiflis und Eriwan als mit asiatisch-skrupellosen Anhängern von Sie-wissen-schon-wem in Ankara, Sarajewo und Priština, wohin sich aber die ganze Liebe der EU ergießt. Oder mit lupenreinen KGB-Fetischisten oder gleich der Verbrecherhöhle Vereinte Nationen, man wartet geradezu auf immer absurdere Kandidaten.
Deutsche Realpolitiker haben vor 100 Jahren nicht verstanden, weshalb England bereit war, sich für einen „Fetzen Papier“, die belgische Unabhängigkeit, zu schlagen. Heute ist ganz Westeuropa blind für das, was ihm unter der Nase weggenagt wird, für seine Werte, seine Freunde, seine Freiheit. Ich hoffe ja, daß es nicht zu spät ist für Einsicht und Umkehr, selbst Dany le Rouge ist ja offenbar zu Erstaunlichem fähig. Am Ende des Tages, möge er in weiter Ferne liegen, wird Moralpolitik sich als die bessere Realpolitik erweisen.
Zum Argumentum ad Hitlerum: Dem Westen gegenüber hat sich „Herr Hitler“ recht lange als Sachwalter berechtigter Anliegen zu geben gewußt, zumal den Siegern des Great War durch ihre Versailler Sünden und ihren eigenen Antisemitismus der Blick auf das Böse im Führer wirksam verstellt wurde. Als Lehrstück in westlicher Realpolitik taugt die Zeit von ‘33 bis zum Beginn der 40er Jahre also durchaus. Was im Innern nach Nürnberger Gesetzen und Reichskristallnacht, was im Osten nach dem 1.9.1939 und dem 22.6.1941 geschah, das allerdings taugt wenig, um Putins Handeln vorauszusagen. In der Tat liegt bei Hitlers Erwähnung regelmäßig ein Fall von Godwins Gesetz bzw. für das Schmidtsche Nazometer vor. Die westliche Selbstblendung aus Selbsthaß ist dagegen etwas Neues in der Geschichte, da müssen wir auch neue Antworten finden.