Seltsame Verwechslungen
Verfasst von califax am Montag, 6. Juli 2009
Zur Erholung mal etwas ganz Unpolitisches: Eigentlich hatte ich nur ein paar unüberlegte Zeilen als Testbeitrag für das renovierte Kleine Zimmer vom Zettel hingeschrubbt. Aber weil man von zuviel Politik und speziell beim Thema Iran am Ende noch irre werden kann, gibt es das jetzt ausformuliert als Erholungspause.
Wie kommt es eigentlich, daß bei einer Erwähnung von Wilhelm Meister viele Leute immer meinen, man rede über die Wahlverwandtschaften? Diese Texte sind so unterschiedlich, daß man, wären nicht immer wieder verräterische Phrasen drin, glatt glauben könnte, sie seien von verschiedenen Autoren.
Die Wahlverwandschaften sind eine Prosainszenierung eines Theaterstücks – Sprache, Handlungsaufbau, Einführung der Personen sind typisches klassizistisches Theater. Nur die Textsorte selbst ist Prosa. Szene folgt auf Szene. Alles ist so beschrieben, daß es auf einer Bühne dargestellt werden kann. Die Sprache ist mit Sorgfalt auf Schönheit getrimmt. Es geht ausschließlich um eine prototypische Ehekrise und deren Ursachen und Folgen.
Wilhelm Meister dagegen ist in weiten Teilen im Schwafelton einer amtlichen Dokumentation bzw. einer Berichterstattung an den Hof gehalten und folgt in seiner Episoden-Struktur ganz offensichtlich dem Strickmuster frühmittelalterlicher Pilgerallegorien.
Er fängt zwar ebenfalls mit Szenendarstellungen in lebendiger schöner Sprache an, aber der Erzähler drängt sich dann Kapitel für Kapitel stärker in die Aufmerksamkeit und gibt mit steigender Frequenz Erklärungen ab, was er wie noch alles zusammenfassen, erläutern, beilegen, weglassen, kürzen und ordnen möchte, und natürlich warum. Man merkt und soll merken, daß Goethe während seiner Arbeit an dem Monsterwerk in einem Berg von Papier steckte und zahlreiche verschiedene Arbeiten (Gedichte, Novellen, Erzählungen, Theaterszenen, etc.) einbaute, um sie nicht verkommen zu lassen. Wilhelm Meister ist auch eine literarische Soljanka. Die Schwierigkeit, einen Wust von Papieren zu ordnen und dabei auszuwählen, was man noch alles einarbeiten möchte, den Überblick zu schaffen, welche Handlungsstränge man noch auf welche Weise zu Ende führen muß – das alles beschäftigt den Erzähler schließlich bald mehr als die eigentliche Geschichte. Zwar bleibt die Geschichte Meisters vom Textvolumen natürlich die Hauptsache. Aber sie wird jetzt nicht mehr lebendig als Szene vor die inneren Augen des Lesers gestellt, sondern ist Textfragment, Erklärung oder aufgefundenes und angeführtes Dokument – der Erzähler wird zum Verleger bzw. vom Geschichtenerzähler zum sachlich-verwalterischen Dokumentar. Am Anfang hat man die beschriebenen Szenen vor Auge, am Ende sieht man Goethe in seinem Gartenhaus auf und abschreiten, die Arme meist hinter dem Rücken verschränkt, manchmal den Zeigefinger erhoben, manchmal in Papieren nachschauend, während er seinem Schreiber diktiert.
Die Struktur von Meisters Leben folgt den mittelalterlichen Pilgerallegorien: Ein halbstarker Grünschnabel wird ins Leben geworfen und macht sich auf eine Reise, bei der er eine klar umrissene Aufgabe zu erfüllen hat. Dabei kommt er vom Weg ab und muß eine Serie von Abenteuern bestehen und eine Reihe von Menschen kennenlernen. Die Situationen, die Menschen und ihre Beziehungen untereinander, sind prototypisch und streng auf Episoden verteilt. Es wird immer eine bestimmte Meinung, ein Menschenschlag, ein Konflikt, etc. möglichst isoliert dargestellt. Geht es in den Pilgerallegorien des Mittelalters um religiöse Dinge: – Glaubensprüfungen, Sünden, Tugenden, theologische Streitereien, religiöse Offenbarungen auf dem Weg zu Jesus – so geht es hier um Prüfungen des Anstandsgefühls und der Menschenkenntnis, um die ganze Vielfalt von Eheanbahnung und Ehekrisen, um Erziehungsfragen, um die Berufswahl, um den Umgang mit Strukturwandel und Unternehmertum, um den Weg zum erfüllten guten Leben. Im Pilgerroman steht nach vielen Irrungen und Umwegen ein religiös geläuterter Mensch. In Wilhelm Meister steht am Ende der Reise mit ihren Irrwegen, Sackgassen und Überraschungen ein selbstsicherer, erwachsener und lebenserfahrener Vater mit einem verläßlichen Freundeskreis und einem Sohn, der bereit ist, in seine Fußstapfen zu treten.
Warum wird das so oft verwechselt? Ich würde wetten, daß kaum jemand den Meister gelesen hat. Kommt die Verwechslung vielleicht daher, daß man eventuell die Wahlverwandschaften (an-)gelesen hat und sonst spontan kein Beispiel für Prosa von Goethe findet? Das wäre eine dieser Hüftschußassoziationen: „Wilhelm Meister? Roman? Goethe? Ah! Sie meinen die Wahlverwandschaften!“ Anders kann ich mir schlecht erklären, wie man zwei so unterschiedliche Texte verwechseln kann, zumal einer davon eher erzwungenermaßen aber doch häufig gelesen wird, der andere dagegen gar nicht.