The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Archiv für Juli 2009

Einfach Tschüß gesagt…

Geschrieben von califax am Donnerstag, 23. Juli 2009

Es gab keine große Ankündigung. Eine ganz normaler letzter Termin einer schwach besuchten Semantikvorlesung. Gerade einmal fünf Studenten waren anwesend. Und am Ende der Vorlesung lächelnd und ein bißchen verlegen, die kurze Bemerkung, dies sei seine allerletzte Lehrveranstaltung gewesen. Er gehe nun in den Ruhestand. Eine Abschiedvorlesung soll es nicht geben. Sowas sei sowieso eher lächerlich. Eine Abschiedsfeier ist nicht geplant. Statt einer Abschiedsrede gab’s ein einfaches Tschüß.

So ging heute im ganz kleinen Rahmen einer der ganz großen Denker Deutschlands von der Tafel.

Eine gute Nachricht gab’s noch zum Abschied: Der Manuscriptum-Verlag hat nach einer Deutschgrammatik gefragt, die auch ein normaler Mensch kapiert. Ickler hat zugesagt.

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Proteste im Iran gehen weiter

Geschrieben von califax am Freitag, 10. Juli 2009

Die Informationen kommen allerdings etwas spärlicher. Die derzeitige Gerüchtelage:

Die Proteste am 9.Juli haben die Sicherheitskräfte in Teheran überfordert. Einige Gerüchte führen dies auf mangelnde Motivation und Massendesertationen bei den Basiji, sowie wachsende Unzufriedenheit innerhalb der regulären Sicherheitskräfte zurück, andere machen eine geänderte Demonstrationstaktik und Überdehnung der Sicherheitskräfte verantwortlich. Statt großer Massendemonstrationen, die von den Sicherheitskräften mit tödlicher Gewalt zerschlagen werden, finden sehr viele scheinbar spontane Demonstrationen an allen möglichen Straßenkreuzungen statt. Eine inzwischen fest etablierte Protesttaktik ist das Erzeugen von Verkehrsstaus mit Hupkonzerten. Die Autofahrer bleiben einfach massenhaft stehen und hupen. Wenn die Sicherheitskräfte auftauchen, fährt man einfach zur nächsten Kreuzung und macht diese dicht. Dazu kommen Protestmärsche und -versammlungen zu Fuß, die über die Stadt verteilt an allen möglichzen Kreuzungen entstehen. Die Zerschlagungstaktik der Sicherheitskräfte könnte so zum Bumerang werden.

Es gab wieder sehr viel Gewalt. Viele Leute wurden erschossen oder zu Tode geprügelt. Die Anzahl der Verhafteten und Vermißten wächst weiter. Der Universitätskampus in Teheran wurde erneut von Basiji überfallen.

Bei der Bekämpfung einer Großdemonstration in Teheran kam es zu einer Schießerei zwischen regulären Sicherheitskräften und Basijimilizionären. Letztere hatten das Feuer auf die fliehende Menschenmenge eröffnet. Der befehlshabende Offizier der regulären Sicherheitskräfte ließ daraufhin das Feuer auf die Basijis eröffnen. Er rechtfertigte dies mit offiziellen Aussagen des Regimes, wonach man keine Kenntnis von staatlichen zivilgekleideten Gruppen habe, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgingen. (Logik eines totalitären Staates: Wenn die Führung selbst ihre Mörder nicht anerkennt, müssen es ja Staatsfeinde sein.)

Das Nationalheiligtum Qom ist durch Sicherheitskräfte hermetisch abgeriegelt. Angeblich bahnt sich dort ein Aufstand der Ayatollahs gegen Khamenei an. Massenentlassungen im religiösen Staatsapparat aufgrund massiver religiöser Opposition gegen Khamenei.

Es gab Proteste in über 200 Städten im ganzen Land. Trotz der Lebensgefahr und des massiven Verfolgungsdrucks erreichen einzelne Demonstrationen Teilnehmerzahlen im vierstelligen Bereich.

Angeblich Mitarbeiter des Wahlkampfteams von Moussawi gehenkt. Systematische Folter und Vergewaltigung in völlig überfüllten Gefängnissen. Regimetreue Funktionäre fordern in der Staatspresse die „Säuberung“ des gesamten Landes von allen oppositionellen Kräften.

Die nächtlichen Protestrufe gehen weiter. Es werden bereits die nächsten Demonstrationen geplant. Das Handynetz wird nach wie vor immer wieder gestört. Besitzer von Handys und Kameras werden gezielt gejagt.

Interessante Links:

Mohammad Asghari  was killed June 14 on his way from Tehran to Karaj. His car „caught fire“ as a result of which, he was burnt to death in his car. He was killed for smuggling out the true results from Ministry of Interior.

Mohammad Mahdi Asghar was an IT specialist & instructor for security systems for Cisco. He was head of a project for the Ministry of Interior, securing their IT environment. He was also commissioned with securing election committee systems against penetration. When he heard that Daneshjou was announcing false Numbers, he copied data & communication the Saturday following the election. He then turned all of it over to opposition and testified to this in a statement.

(Quelle nicht überprüfbar, Meldung nur durch Vergleich mit anderen Quellen als glaubwürdig eingeschätzt.)

PersianKiwis Blog.

Spekulationen über die möglichen Hintergründe.

Nachtrag:

The Daily Dish hat eine gute Sammlung.

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Seltsame Verwechslungen

Geschrieben von califax am Montag, 6. Juli 2009

Zur Erholung mal etwas ganz  Unpolitisches: Eigentlich hatte ich nur ein paar unüberlegte Zeilen als Testbeitrag für das renovierte Kleine Zimmer vom Zettel hingeschrubbt. Aber weil man von zuviel Politik und speziell beim Thema Iran am Ende noch irre werden kann, gibt es das jetzt ausformuliert als Erholungspause.

Wie kommt es eigentlich, daß bei einer Erwähnung von Wilhelm Meister viele Leute immer meinen, man rede über die Wahlverwandtschaften? Diese Texte sind so unterschiedlich, daß man, wären nicht immer wieder verräterische Phrasen drin, glatt glauben könnte, sie seien von verschiedenen Autoren.

Die Wahlverwandschaften sind eine Prosainszenierung eines Theaterstücks – Sprache, Handlungsaufbau, Einführung der Personen sind typisches klassizistisches Theater. Nur die Textsorte selbst ist Prosa. Szene folgt auf Szene. Alles ist so beschrieben, daß es auf einer Bühne dargestellt werden kann. Die Sprache ist mit Sorgfalt auf Schönheit getrimmt. Es geht ausschließlich um eine prototypische Ehekrise und deren Ursachen und Folgen.

Wilhelm Meister dagegen ist in weiten Teilen im Schwafelton einer amtlichen Dokumentation bzw. einer Berichterstattung an den Hof gehalten und folgt in seiner Episoden-Struktur ganz offensichtlich dem Strickmuster frühmittelalterlicher Pilgerallegorien.

Er fängt zwar ebenfalls mit Szenendarstellungen in lebendiger schöner Sprache an, aber der Erzähler drängt sich dann Kapitel für Kapitel stärker in die Aufmerksamkeit und gibt mit steigender Frequenz Erklärungen ab, was er wie noch alles zusammenfassen, erläutern, beilegen, weglassen, kürzen und ordnen möchte, und natürlich warum. Man merkt und soll merken, daß Goethe während seiner Arbeit an dem Monsterwerk in einem Berg von Papier steckte und zahlreiche verschiedene Arbeiten (Gedichte, Novellen, Erzählungen, Theaterszenen, etc.) einbaute, um sie nicht verkommen zu lassen. Wilhelm Meister ist auch eine literarische Soljanka. Die Schwierigkeit, einen Wust von Papieren zu ordnen und dabei auszuwählen, was man noch alles einarbeiten möchte, den Überblick zu schaffen, welche Handlungsstränge man noch auf welche Weise zu Ende führen muß – das alles beschäftigt den Erzähler schließlich bald mehr als die eigentliche Geschichte. Zwar bleibt die Geschichte Meisters vom Textvolumen natürlich die Hauptsache. Aber sie wird jetzt nicht mehr lebendig als Szene vor die inneren Augen des Lesers gestellt, sondern ist Textfragment, Erklärung oder aufgefundenes und angeführtes Dokument – der Erzähler wird zum Verleger bzw. vom Geschichtenerzähler zum sachlich-verwalterischen Dokumentar. Am Anfang hat man die beschriebenen Szenen vor Auge, am Ende sieht man Goethe in seinem Gartenhaus auf und abschreiten, die Arme meist hinter dem Rücken verschränkt, manchmal den Zeigefinger erhoben, manchmal in Papieren nachschauend, während er seinem Schreiber diktiert.

Die Struktur von Meisters Leben folgt den mittelalterlichen Pilgerallegorien: Ein halbstarker Grünschnabel wird ins Leben geworfen und macht sich auf eine Reise, bei der er eine klar umrissene Aufgabe zu erfüllen hat. Dabei kommt er vom Weg ab und muß eine Serie von Abenteuern bestehen und eine Reihe von Menschen kennenlernen. Die Situationen, die Menschen und ihre Beziehungen untereinander, sind prototypisch und streng auf Episoden verteilt. Es wird immer eine bestimmte Meinung, ein Menschenschlag, ein Konflikt, etc. möglichst isoliert dargestellt. Geht es in den Pilgerallegorien des Mittelalters um religiöse Dinge: – Glaubensprüfungen, Sünden, Tugenden, theologische Streitereien, religiöse Offenbarungen auf dem Weg zu Jesus – so geht es hier um Prüfungen des Anstandsgefühls und der Menschenkenntnis, um die ganze Vielfalt von Eheanbahnung und Ehekrisen, um Erziehungsfragen, um die Berufswahl, um den Umgang mit Strukturwandel und Unternehmertum, um den Weg zum erfüllten guten Leben. Im Pilgerroman steht nach vielen Irrungen und Umwegen ein religiös geläuterter Mensch. In Wilhelm Meister steht am Ende der Reise mit ihren Irrwegen, Sackgassen und Überraschungen ein selbstsicherer,  erwachsener und lebenserfahrener Vater mit einem verläßlichen Freundeskreis und einem Sohn, der bereit ist, in seine Fußstapfen zu treten.

Warum wird das so oft verwechselt? Ich würde wetten, daß kaum jemand den Meister gelesen hat. Kommt die Verwechslung vielleicht daher, daß man eventuell die Wahlverwandschaften (an-)gelesen hat und sonst spontan kein Beispiel für Prosa von Goethe findet? Das wäre eine dieser Hüftschußassoziationen: „Wilhelm Meister? Roman? Goethe? Ah! Sie meinen die Wahlverwandschaften!“ Anders kann ich mir schlecht erklären, wie man zwei so unterschiedliche Texte verwechseln kann, zumal einer davon eher erzwungenermaßen aber doch häufig gelesen wird, der andere dagegen gar nicht.

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Wie der Bundestag sich selbst abschafft

Geschrieben von califax am Montag, 6. Juli 2009

Das Parlament als Farce. Lesen. Denken.

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