The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Brauchen die Städte Karstadt?

Verfasst von califax am Mittwoch, 10. Juni 2009

Nein.

Es wird jetzt so getan, als wären Städte ohne Warenhäuser nicht denkbar. Als wäre städtischer und großstädtischer Handel und Konsum ohne sie nicht denkbar. Aber diese Warenhäuser wie Karstadt oder KaDeWe sind ein junges Phänomen, stadtgeschichtlich betrachtet sind sie Eintagsfliegen. Der Anfang waren kleine offene Märkte mit kleinen Anbietern und größere Märkte auf der grünen Wiese. Daraus etablierten sich Markthallen, Kaufhallen. Große Einkaufszentren, in denen viele kleine und große Anbieter nebeneinander saßen, konkurrierten und um Kunden feilschten. Einzelne große Anbieter suchten im Zuge der Industrialisierung das Monopol – zunächst lokale Monopole durch große Kaufhäuser mit breiter Angebotspalette und nur einem Anbieter. Und tatsächlich konnten sie durch anfänglich prachtvolle Ausgestaltung, exzessive Werbung, Korruption und kräftiges Preisdumping die kleinen Anbieter in den Hallen und Einkaufsstraßen an die Wand quetschen. Viele Markthallen wurden aus dem Markt gedrängt.

Heute kommen die Einkaufshallen wieder. Die lokalen Monopole sind gefallen. „Einkaufstempel“ mit vielen konkurrierenden Anbietern und spezialisierte Markthallen, die „Supermärkte“, Baumärkte, Möbelmärkte, etc. blühen überall auf und bieten eine nie gewesene Vielfalt an Produkten und Angeboten zu Preisen, mit denen die Warenhäuser nicht mehr mithalten können. Der städtische Konsum und Einzelhandel ist aus einer Sackgasse entkommen und entwickelt sich wieder. Und dabei entstehen die großen Nutzbauten, die Hallen, selbstverständlich da, wo der Boden preiswert, transporttechnisch gut erschlossen und weniger bewohnt ist. Teure beliebte Wohngegenden werden zu reinen Wohngegenden, wenn nicht gegengesteuert wird. Das ist kein Verfall, das ist die Rückkehr der Vernunft. Es ist nunmal blödsinnig, Sofas und Computer da zu verkaufen, wo man nicht mit vielen großen Autos manövrieren kann. Und seit die Kundschaft ihre großen Einkäufe selber machen muß, statt das niedere Hausgesinde zu schicken, seit die Bürger es nicht mehr aushalten, in den Innenstädten im Autoverkehr zu ersticken, sind die Warenhäuser konzeptionell tot.

Es gibt einen einfachen Maßstab dafür, ob ein Warenhaus in einer Stadt gebraucht wird, oder nicht: Bringt der Laden mehr ein, als er verbraucht? Ein Laden, der mehr kostet als er einbringt, ist so notwendig wie ein Auto, das mit laufendem Motor in der Garage herumsteht. Jeder halbwegs vernünftige Mensch weiß, daß man es abschalten muß – selbst wenn der Tankstellenbesitzer noch so laut dagegen protestiert und fordert, man müsse den Tank regelmäßig aus Steuergeldern nachfüllen. Solange die Warenhäuser Gewinn machen, sind sie für die Städte notwendig. Sonst blockieren sie nur knappen wertvollen Platz, der für gute Wohnungen oder benötigte steuerzahlende Geschäfte gebraucht wird. Welchen Laden die Bürger brauchen, zeigen sie mit ihren Einkaufsentscheidungen.

3 Antworten zu “Brauchen die Städte Karstadt?”

  1. stefanolix sagte

    Der Wettbewerb wird aber massiv verzerrt, wenn der Staat (wie z.B. hier in Dresden) den Aufbau und Ausbau von Einkaufsgalerien massiv fördert. So entsteht eine Überkapazität an Verkaufsfläche und es sind weitere Insolvenzen programmiert.

    • califax sagte

      Naja, daß die Politik den Marktgesetzen nicht entkommen kann, ist uns Ossis ja nun nichts neues, oder? :)
      Die Förderung von Markthallen empfiehlt sich überall da, wo die Innenstadt tatsächlich tot ist, wo man also gar nicht mehr einkaufen kann und Verfall einsetzt. Da muß man sich überlegen, welche Läden denn in der Innenstadt sinnvoll wären (Möbelhäuser und Baumärkte z.B. eher nicht) und welche sozialen Schichten als Kunden in Frage kommen (Die Schneiderpassagen in Leipzig waren mit ihren Millionärsläden im verarmten Leipzig eine ziemliche Katastrophe).
      Aber wenn es brummende Läden gibt, sollte man nicht fördern, sondern Geld und Arbeit lieber in Infrastruktur, Liberalisierung und Ästhetik investieren.
      Im Zweifelsfalle bringen eine recht preiswerte Blumenrabatte und kleine Eisverkäufer einem betonierten Platz viel mehr als ein subventionertes Kino.

Eine Antwort schreiben

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>