The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Ein Experiment

Verfasst von califax am Dienstag, 9. Juni 2009

Wo sind die Wähler der SPD hin? Wählerwanderungsanalysen zeigen immer wieder, daß die Verluste der SPD weit größer sind als die Abwanderung zu anderen Parteien.  Wo gehen sie hin? Wo bleibt der Nachwuchs bei den Wählern? Wird nicht an unseren Schulen ein Wertesystem vermittelt, daß der traditionellen und der heutigen traditionalistischen SPD entspricht? Liegt es am Zangengriff aus CDU und SED? Die wegbrechenden SPD-Wähler wandern aber nicht in dem Umfang zu CDU und SED, wie sie der SPD fernbleiben. Bei weitem nicht. Bei der FDP kommt so einiges an Wählern an, aber auch nicht genug, um die Wahlergebnisse zu erklären, zumal die prozentualen FDP-Ergebnisse vermutlich auch durch die geringe Wahlbeteiligung verstärkt werden. Also was ist da los?

Ich möchte ein Experiment, wenigstens ein Gedankenexperiment, vorschlagen.

Man nehme einen SPD-Funktionär, der noch nicht das Rentenalter erreicht hat. Er sei tendenziell eher jung intelligent, durchaus gebildet, zur kritischen Reflexion fähig, vom Engagement für soziale Gerechtigkeit überzeugt, rhetorisch begabt und loyal, selbst wenn es weh tut – kurz: ein Vertreter der sozialdemokratischen Zukunft. Einer, der das Präkariat und die Unterschicht vor den Härten des Kapitalismus schützen und in ein besseres Leben führen will.

Nun konfrontiere man diesen Hoffnungsträger, diesen Basispfeiler der SPD mit seiner traditionellen Wählergruppe, mit denen, die er zu unterstützen gedenkt. Mit rumpelnden Ghettohiphoppern, mit McDonalds-Fans, mit Kioskbesitzern und Dönerbudenbetreibern, mit  notorischen Eckkneipenrauchern und pathostriefenden Heavy-Metal-Fans, mit Gartenzwergsammlern, Autotunern, Brieftaubenvereinen und Gemüsegärtnern, Fleischkarnickelzüchtern, Schützenvereinsmitgliedern, Castingshowfans, Privat-TV-Zuschauern und bierbäuchigen Deutschland-T-Shirt-Trägern.

Und dann lehne man sich zurück und lasse unkommentiert und ungebremst das ganze Ausmaß an spontanem Ekel, an tiefempfundener Verachtung und kaltem Haß sprudeln, daß dieser symphatische, sozial engagierte Hoffnungsträger für diese traditionelle SPD-Wählerschaft empfindet und auch sofort ausspeit. Für die Leute, die er seiner eigenen Illusion zufolge vertritt, für die er zu kämpfen meint.

Links zu sein, das ist eben auch eine kulturelle Frage. Und die linke Kultur hat mit der Kultur der kleinen Leute, der Unterschicht, des Präkariats nur noch die gegenseitige Verachtung gemein. Das ist das tiefgründigste, das langfristig verheerendste Problem der SPD.

4 Antworten zu “Ein Experiment”

  1. Dagny sagte

    Ein Aspekt vielleicht noch: Wer heute junger Akademiker ist und nicht bei der Bundeswehr war, hat niemals mit den kleinen Leuten zu tun gehabt.

    • califax sagte

      Da gibt es schon noch andere Kontaktmöglichkeiten. Hauptschulen (als Schüler), Straßenbaulehre, Herkunft aus dem Türkenghetto, Jugendbanden, …
      Alles „Szenen“ bei deren näherem Erleben die Rabbatzromantik und die Verklärung der „Straße“ schnell verfliegt.

      • Dagny sagte

        Klar, aber der typische JuSo war nicht auf der Hauptschule, hat keine Strassenbaulehre, war nicht im Türkenghetto und eben nicht bei der Bundeswehr?
        (Gut, Jusos sind mir eh bischen fremd, vielleicht täusche ich mich da ja auch)

  2. Christian sagte

    Ich dachte, die beschriebene Klientel ist längst zu der „Linkspartei“, formerly known as SED, abgwandert. Die machen mit ihrem „Freibier für alle“-Programm einfach die besseren Angebote ;-)
    Die Kernklientel der SPD ist doch längst der öffentliche Dienst, den sie sich aber mit den „Grünen“ teilen müssen.

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