Kultur und so
Verfasst von califax am Donnerstag, 30. Oktober 2008
Bei Possums Welt habe ich einen Eintrag gelesen, der ziemlich typisch für unseren Umgang mit der sogenannten Hochkultur ist. Die meisten von uns lernen in der Schule recht gründlich, daß die als besonders wertvoll gehandelten Kunstwerke todsterbenslangweilig, deprimierend, unverständlich und gerne auch alles zusammen sind. In Fernsehen, Presse und Radio werden wir meist in dieser Meinung bestätigt.
Wenn man wie die Semioten die Kultur als einen komplizierten Text aus kulturellen Zeichen und Syntaxstrukturen auffaßt, ist die Unterscheidung von E-Kultur (Prestige, trocken, langweilig, unverständlich, unbequem, nervtötend, deprimierend, etc.) und U-Kultur (niveaulos, aber unterhaltsam und verständlich) ein Grundbaustein der kulturellen Syntax in Deutschland.
Hat den vorigen Absatz jeder vollständig verstanden? Nein? Dabei war er wirklich sehr einfach. In einer Habilitation wäre dieser Absatz ein Kunstwerk an sich geworden und hätte aus dem vollen Arsenal der Folterwerkzeuge geschöpft, mit denen wir in Deutschland so unschuldige Sprachen wie Griechisch, Latein, Französisch und in jüngster Zeit Englisch quälen. Er ist ein kleines und viel zu gut leserliches Beispiel für das pseudowissenschaftliche Geschwurbel, mit dem man in der Geisteswissenschaft oft offensichtliche Binsenweisheiten in den Adelsstand der akademischen Analyse erheben möchte.
Und auch dieses Geschwurbel und Geschwafel prägt unser Bild der sogenannten Hochkultur. Nehmen wir Goethe, den Namen, der lautmalerisch schon das Gähnen der Schüler prophezeit. Man hat ihn solange totgepriesen, verherrlicht und niederdiktiert, daß niemand mehr in der Lage ist, seine schmutzigen Obszönitäten zu verstehen. Denkmäler haben nunmal keine Latte in der Hose zu haben, sondern beweisen ihre Würde durch Taubendreck auf der Nase. So gehört sich das schließlich. Vielleicht hatte Heine auch deshalb solche Probleme beim Einzug in die Valhalla, weil er zu deutlich schrieb. Seine Beleidigungen konnte man einfach nicht überlesen und totschweigen. Und so wird uns in der Schule eingeimpft, was Goethe bedeuten soll: Muss man gelesen haben, ob man ihn mag oder nicht; muss man interpretieren, obwohl daran schon die Wissenschaft oft genug scheitert; und vor allem: ist langweilig. Und die Medien sekundieren. Goethe sei etwas für wenige Verrückte, die keinen anstrengenden Job haben, für besonders geistesstarke, die die Kraft aufbringen, sich beruflich oder gar in der Freizeit mit solch anstrengenden Arbeiten zu beschäftigen.
Dabei ist die Italienreise nichts anderes als eine amüsante Reisebeschreibung mit Humor und Landschaftsschwärmerei. Gerade abends nach der Arbeit kann man gut drin schmökern. Man benötigt weder höhere Bildung, noch kulturelles Interesse für solche Reiseberichte, und man bekommt sie in großer Auswahl, beispielsweise von Alexander Dumas, Winston Churchill oder Lawrence von Arabien, um mal aktuelle Autoren auszuklammern. Sie sind weder anstrengend noch langweilig, und man hat die Auswahl: Abenteuerbücher, Italienschwärmerei, Wanderberichte, haarsträubende Anekdoten, Hohn und Spott, Kriegserlebnisse, …
Es gibt alles, was man mag.
Wirklich seltsam finde ich aber, daß in Possums Liste Hemingway auftaucht. Hemingway? Trocken oder deprimierend? Nunja, Hemingway ist Männerliteratur. Sowas liest man nicht zwischen Schokolade und Salat. Zu Hemingway gehören eine Zigarre und Patronengurte. Letztere kriegt man in Deutschland nicht so gut, also darf es auch Playboy oder Hustler sein. Dazu fünf Liter trinkbaren Valpollicella, selbstgedrehte Zigaretten (natürlich filterfrei) oder eine Pfeife. Zwischendurch kann man an einer Kaninchenkeule knabbern oder sich eine Frau über die Schulter werfen. (Aber nicht kaputtmachen. Wird noch gebraucht.) Das ist Literatur für Bartträger und Beutemacher, für Liebhaber dicker, roter, blutiger Steaks, für Leute, die gern mal die Nachbarskinder mit einer .50cal auf Zack bringen würden.
Was kommt uns in den Sinn, wenn wir Namen wie Erich Kästner oder Honoré de Balzac hören? Kinderbücher? Altertümliche französische Schwafeleien, die irgendwas mit Hochkulur und so weiter und so weiter und so weiter? Warum nicht „Drei Männer im Schnee“, diese herrlich bekloppte Knallschote, die bis heute jede andere Verwechslungskomödie an die Wand blödelt? Und warum nicht die „Dreißig tolldreisten Geschichten“ (Contes Drolatiques), deren höhnisches Herumstochern zwischen zweideutigen Schlüpfrigkeiten und eindeutigen Obszönitäten jeden pupertierenden Aufschneider aussticht?
Ich habe letztens (neben Hemingway) ein bisschen Solschenizyn und Pasternak gelesen. Russische Klassiker. „Schwere Kost“, nicht wahr? Meint man doch so, oder? Lernt man doch schon in der Schule. Aber was genau ist eigentlich schwer an „August 14″ oder „Doktor Schiwago“? Klar, die Bücher wiegen schon etwas, aber mal im ernst: Was ist schwer daran? Natürlich sollte man schreiend reißaus nehmen, wenn irgendwo eine Verfilmung von Schiwago angedroht wird. Aber dafür kann der Roman ja nichts. Pasternak hat eine so unglaublich spannende und packende Geschichte mit Verwicklungen, Katastrophen und Glücksfällen erfunden, daß man schnell hofft, das Buch würde niemals aufhören. Und wenn man dann auf der letzten Seite ist, möchte man den Autor dafür prügeln, daß er die Geschichte nicht noch weitergeschrieben und die noch fehlenden Enden zusammengefügt hat. Man will dann einfach immer noch wissen, wie es weitergeht. Nach über sechshundert Seiten ist schon viel zu früh schluß.
Es sind Bücher, Gedichte, Geschichten. Literatur ist Unterhaltung, und der einzige Zweck der Kunst ist es, das Publikum zu begeistern. Das wird viel zu oft vergessen. Viel zu oft versucht man, die Kunst für Dinge zu mißbrauchen, von denen man keine Ahnung hat. Regisseure vergewaltigen in ihren Inszenierungen die Stücke anderer, weil sie selbst zu untalentiert oder zu schreibfaul sind, eigene Stücke zu schreiben. Jandl et al mißbrauchten die Lyrik für linguistische „Forschungen“, weil sie von Linguistik keine Ahnung hatten, und sich auch nicht ernsthaft damit beschäftigen wollten. Stattdessen lallten und wimmerten sie Tonbänder voll, logen sich und ihrem Publikum vor, dies wäre Sprachforschung und ernsthafte Arbeit. Und unser Bildungssystem hat die Kunst mißbraucht, zensiert und verbogen, um den Schülern „Werte“ beizubringen, um ihnen einzuimpfen, man müsse hirnlos und charakterlos bestimmte Rituale nachahmen und Interesse für bestimmte Werke heucheln, um ein wertvoller, respektabler Mensch zu sein. Immer wieder haben Menschen, deren Intelligenz und Kraft nicht für die Politik reichte, versucht, den politischen Meinungskampf zu umgehen, indem sie dem Kunstpublikum ihre politischen Ansichten aufzuzwingen versuchten.
Und bei all diese Krampf und Kampf, zwischen all dieser Heuchelei, Erzwingerei und dem unsinnigen Versuch, Kunstwerke nüchtern als „Arbeiten“ zu analysieren, ist das wichtigste auf der Strecke geblieben.
Was völlig in Vergessenheit geraten ist, ist der wichtigste Auftrag des Künstlers und der einzige Grund, aus dem man sich mit einem Kunstwerk beschäftigen sollte: die Unterhaltung.
Ist Hemingway ein ernsthafter Künstler? Sicher. Aber wer seine Räuberpistolen mit spitzem Bleistift und ernsthaftem Anliegen zur Hand nimmt, begeht einen Kunstfrevel. Goethe gilt als dermaßen ernsthaft, daß man schon beim Namen gähnen muss. Dabei war er ein großartiger Alleinunterhalter mit einer schmutzigen Phantasie und hinterfotzigem Humor. Shakespeare gilt als wahnsinnig seriös. Deshalb hat man Reich-Ranicky nun ja auch angedichtet, er hätte vom Fernsehen mehr Shakespeare gefordert. Hat er natürlich nicht, aber daß Journalisten weder lesen noch zuhören können, ist ja nichts neues. Der Kritiker hatte Shakespeare als Beispiel für intelligente und populäre Unterhaltung genannt. Und damit hat er ja auch recht. Shakespeare ist nämlich alles andere als „seriös“, auch wenn er ebenso wie andere Klassiker gern zum Langweilen mißbraucht wird. Tatsächlich kann man Shakespeare auf den massiven Einsatz von Körperflüssigkeiten reduzieren: Blut, Sperma, Tränen. Übrigens auch das Erfolgsrezept der BILD-Zeitung. Warum wohl? Da bleiben jetzt natürlich seine Komödien unberücksichtigt, aber Humor und Komik zählen ja in Deutschland nicht zur Hochkultur.
Warum eigentlich? Was soll der Unsinn? Und wer braucht eigentlich „Hochkultur“, um sich von der „Popkultur“, also der „vulgären“ Unterhaltung abzusetzen? Existiert dieser Unterschied überhaupt? Er existiert natürlich nicht. Es handelt sich bei diesem Unterschied, wie auch dem Unterschied zwischen E und U, um das Hirngespinst von Leuten, deren Rückengrat so schwach ausgeprägt ist, daß sie sich auf Dünkel und eingebildetes „Elitebewusstsein“ stützen müssen.
Aber ehe ich hier zu viel Zeit vertrödele, höre ich jetzt lieber auf. Ich muß ins Auto und los. Und ich habe noch eine schwierige Entscheidung zu treffen: Böhse Onkelz, Beethoven, Dvorak, Weidner, Brahms oder Slayer? Man kann sich ja nicht irgendwelchen Müll ins Autoradio stecken. Nicht, wenn man gewisse Ansprüche hat.
Also dann. Nase hoch und los. Tschüß für heute.
1000sunny sagte
Da haben wir interessanterweise mal die gleiche Meinung zum Thema – hätte ja nicht gedacht, dass das möglich wäre. Aber was ist jetzt die Konsequenz? Schule abschaffen? Lehrer besser ausbilden? Dem Volk lesen beibringen?
kitte sagte
ganz klar slayer.
schule und lehrer haben mit diesem zitierten system gar nichts zu tun, deswegen bringt es in diesem fall auch nichts, sie abschaffen zu wollen oder sie zu reformieren.
dieses system wird von selbsternannten „weisen“ der kultur aufrechterhalten, die dem breiten volk sagen, was „leitkultur“ ist und was nicht.
Wie man Literatur in Worte fasst « Possums Welt sagte
[...] hatte ich ja schon mal über meine Sicht, der Literatur geredet und mir dabei ziemliche Kritik eingefangen. Und ich gebe zu, sowas läßt mich ja nicht los. Also hab ich den Autor (kurz vor den [...]