The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Weblog-Archiv für 13. August 2008

Tiflis ist sicher

Verfasst von califax am Mittwoch, 13. August 2008

Die Russen brauchen Tiflis gar nicht einzunehmen. Das wäre nur verlustreich. Sie haben es durch die Bedingungen des “Waffenstillstands” und das Ausmaß der “Demilitarisierten Zone” (Gori!) militärisch, polizeilich und verwaltungstechnisch vom Rest des Landes isoliert.

Die von den Russen eingerichtete Pufferzone reicht im Osten offenbar bis 50Km vor Tiflis, also in die Gegend von Kaspi, und im Westen bis zur zweitwichtigsten Stadt Poti mit ihrem Hafen. Senaki gehört als wichtiger Militärflughafen, Verkehrsknotenpunkt und Kommunikationsknotenpunkt natürlich auch dazu. Weiterhin war bei den Verlautbarungen über die Waffenstillstandsvereinbarung bisher nicht die Rede von den Separatisten. Nur, daß die Georgier nicht auf die schießen dürfen und ihren Kasernen zu sitzen haben.

Man kann das kämpfen jetzt also den Guerrillas überlassen und jedesmal massiv in ganz Georgien zuschlagen, sobald georgisches Militär auch nur Selbstverteidigung ausübt. In Abchasien ist entsprechend eine erfolgreiche Kampigne zur Vertreibung der georgischen Bevölkerung im Gange. In den Dörfern rund um Südossetien wird geplündert und gebrandschatzt.

Das ist eine Okkupation, die nicht Okkupation heißt.

Noch besser: Nominell sind die Georgier weiterhin selbst dafür verantwortlich, die staatliche Authorität auszuüben, werden aber durch die Bedingungen und marodierende Separatisten effektiv daran gehindert.

Da die Russen aber

  1. wenigstens derzeit nicht selbst die Verwaltung und Polizei übernehmen werden (Souveränität Georgiens wurde bestätigt, und außerdem wäre ein vom Kriegsvölkerrecht legitimierter Guerillakrieg möglich) und

  2. die „Friedenstruppe“ nicht für Kriminalitätsbekämpfung oder Behinderung der Separatisten zuständig ist (sondern nur für das Einklemmen der georgischen Streitkräfte und den Schutz von Verwaltungsgebäuden),

entsteht ein Machtvakuum, in dem marodierende Banden ein Goldenes Zeitalter erleben könnten.

Es ist eine Okkupation, die nicht Okkupation heißt, und die auch nicht die Verpflichtungen einer Okkupation zur Verwaltung und Sicherung der okkupierten Gebiete beinhaltet.

Und für alle resultierenden Kämpfe zwischen Georgiern und Russen wird man den Georgiern die Schuld in die Schuhe schieben.

Raffiniert.

Nachtrag: Der nächste Schwung Nachrichten klärt sich allmählich. Die georgische Polizei darf nach Gori zurück. Herumliegende Munition und Blindgänger werden gesprengt. Die Russen werden sich also im Westen auf Tschinwali und in die umliegenden Berge zurückziehen.

Es fehlt aber noch eine Kleinigkeit: Warum die Absperrung von Gori? Warum wurden die Journalisten herausgetrieben? Und was ist in Poti los?

Nachtra No.2:

Nachtrag No.3:

While awaiting an international mechanism, Russian peacekeeping forces will implement additional security measures (six month)

Punkt 5 des sogenannten Friedensplans, den Sarkozy unter öffentlicher Demütigung durch die Russen ausgehandelt hat.

Das ist eine vertragliche Basis für eine Okkupation für die nächsten 6 Monate. Bis dahin war es eine völkerrechtwidrige Invasion. Sarkozy hat erreicht, daß sich die Russen, bei allem, was sie in der Gegend tun, auf diese Vereinbarung berufen können.

Damit hat er die rechtliche Absicherung für die bereits stattfindenen Verbrechen an der Zivilbevölkerung in ganz Georgien geschaffen.

Theoretisch könnte man damit auch einen Angriff auf Tiflis rechtfertigen. Tatsächlich findet derzeit nach allen Presseberichten bereits das statt, was man aus Tschetschenien kennt, und was bereits 1993 in Sochumi vorexerziert wurde. Nach letzten Berichten wird als nächste Stadt Kutaisi einen Eindruck von den russischen „Sicherheitsmaßnahmen“ bekommen.

Und ich glaube leider zu wissen, was die Reporter und UN-Helfer in Gori nicht sehen sollen.

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Russische Panzer rücken aus Gori in Richtung Tiflis vor

Verfasst von califax am Mittwoch, 13. August 2008

Das ZDF telefonierte gerade mit seiner Korrespondentin. Diese hat sich einer russischen Armeekolonne angeschlossen, von Gori aus auf der Hauptstraße Richtung Tiflis unterwegs ist. Soviel zum Waffenstillstand.

Früher oder später werden die Georgier schießen müssen, spätestens dann, wenn die Panzer nach Tiflis reinwollen oder ihrerseits das Feuer auf georgische Stellungen eröffnen. Und dann wird Rußland die Georgier mit empörtem Gebrüll des Bruches der Waffenstillstandsvereinbarung beschuldigen.

Im Kreml muss bei jeder Erwähnung von Steinmeier und Sarkozy allgemeine Heiterkeit ausbrechen. Wann ist das letzte mal die europäische Diplomatie so offensichtlich blamiert wurden?

CNN Breaking News hat die ZDF-Meldung gerade bestätigt.

Siehe auch:

Nachtrag: Die Gerüchteküche brodelt. Die Truppen könnten zum einen in Kaspi oder 10-15 Km südwestlich davon nach Norden abbiegen und sich so wieder Südossetien nähern. Die andere Version besagt, daß es einen mit der georgischen Regierung abgesprochenen Marsch zu einem georgischen Militärlager bei Tiflis gibt. CNN spekuliert auf ein Kasernen gleich östlich von Gori auf der Hauptstraße. Das ZDF berichtet aber, man habe sich Tiflis auf 50Km genähert. Weiter vorne auf der Strecke hätte georgische Polizei eine Straßensperre errichtet. Klingt nach der Gegend kurz vor Kaspi.

Nachtrag No.2: Die Presseberichte werden allmählich klar. Die Russen errichten demzufolge zur Zeit eine „demilitarisierte Zone“, in der nur russische Truppen unterwegs sind. Alle innerhalb dieser Zone aufzufindene Militärausrüstung wird zerstört oder abtransportiert. Diese Zone reicht offenbar bis auf 50 Km an Tiflis heran und schließt Poti und Senaki ein. Das heißt: Alle wichtigen Verkehrswege des Landes. Sämtliche Häfen. Alle wichtigen Militärstützpunkte außerhalb des direkten Umlands von Tiflis. Mit Ausnahme des ziemlich unwegsamen Gebirgskammes im Süden und des direkten Umlands von Tiflis gehört ganz Georgien zu dieser von russischen Truppen besetzten und kontrollierten „demilitarisierten Zone“. Stellt sich nur noch die Frage, ob auch Kaspi schon dazu gehört.

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Kämpfe vorverlegt?

Verfasst von califax am Mittwoch, 13. August 2008

Kane hat für Zettels kleines Zimmer einen Leckerbissen ausgegraben: Die polnische Wikipedia zitiert Tschetschenische Separatisten. Diese hätten Dokumente mit Hinweisen auf einen Invasionsplan der Russen für Georgien ergattert:

Die Invasion sollte zwischen 20. August und 10. September stattfinden. Die Opertion war mit Abchasischen Separatisten koordiniert. Und sollte zweistufig verlaufen: Die Blitzeinnahme der Kodor Tales – des einzigen Teils Georgien, dass noch von Georgien kontrolliert wird und danach ein Angriff in Süd-Osettien und die Einnahme der Städte Kutaisi und Cchinwali. Der Blitzkrieg (Original im Text der polnischen Wikipedia) sollte 7 -10 Tage dauern. Wie Kwkaz-Centr berichtet diesen Befehl hatte Präsident Putin, noch vor seinen Rücktritt aus dieser Position herausgegeben.

Der Zeitplan passt nicht ganz zu den Ereignissen. Die geplanten Aktionen freilich schon. Das Deutsch ist etwas holprig. Das „Kodor-Tal“ ist das georgisch besiedelte Kodori-Tal in Nordabchasien. Dessen Bewohner werden gerade vertrieben.

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