The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Archiv für August 2008

Sarkozys großer Ritt und die Folgen

Verfasst von califax am Mittwoch, 20. August 2008

Es gibt in der westeuropäischen Politik und in den journalistischen Kommentaren immer wieder eine Haltung, die ich nicht verstehe. Daß es nämlich nur wichtig ist, zu reden – egal über was. Und daß es vor allem darauf ankommt, sich zu einigen – egal auf was. Und daß man sich grundsätzlich bis zur Selbstaufgabe darum bemühen muss, Unterschriften unter einen Vertrag zu bekommen – egal, von wem dieser Vertrag dann eigentlich was genau verlangt.

Und nur mit dieser seltsamen Haltung, die den Gegenstand ignoriert, um den es eigentlich gehen sollte, ist Sarkozys Blamage im Georgienkrieg überhaupt zu erklären. Sicher ist er wie ein dummer Kavalleriegeneral vorgeprescht. So wie er das mit seiner Kombination aus Hyperaktionismus und Geltungsdrang immer tut. Aber wenn er dabei nicht auch denken könnte, wäre er nicht Präsident geworden. Erst mit dieser westeuropäischen Dummheit, mit diesem unerschütterlichen Glauben, es sei völlig irrelevant, worüber man mit welchem Erfolg verhandele, sofern man nur überhaupt Verhandlungen führe, ergibt die Sache den katastrophalen Fehlschlag, den sich die europäische Beschwichtigungsdiplomatie in den letzten Tagen geleistet hat.

Was ist dieser Fehlschlag?

Vor dem mit Sarkozy ausgehandelten Abkommen gab es eine völkerrechtswidrige Invasion Georgiens. Jeder Georgier hatte das Recht zum bewaffneten Widerstand. Die Russen zerstörten planmäßig Georgien, isolierten Tiflis, halfen Osseten und Abchasen, weitere georgische Gebiete zu annektieren, okkupierten fast das ganze Land und zerschnitten alle Verkehrswege. Sie mussten sich dazu auf die Bestrafung der Georgier und auf den völlig unglaubwürdigen Schutz georgischer Minderheiten berufen. Beides völkerrechtswidrig.

Seit dem Abkommen zerstören sie planmäßig Georgien, isolieren Tiflis, helfen Osseten und Abchasen, weitere georgische Gebiete zu annektieren, okkupieren fast das ganze Land und zerschneiden alle Verkehrswege. Aber diesmal berufen sie sich auf ein Abkommen, das Sarkozy ausgehandelt und Saakaschwilli unter diplomatischem Druck akzeptiert hat.

Das Abkommen hat nicht nur die Lage nicht verbessert – selbst dann wäre es ein Fehlschlag. Es hat die Lage auch noch verschlimmert, in dem es dem Kreml eine Lizenz für die Okkupation und völlig beliebige Aktionen, inklusive militärischer Operationen, in ganz Georgien erteilt. Währenddessen haben die georgischen Truppen eine unmögliche Bedingung zu erfüllen. Sie sollen in ihre üblichen Stationierungsorte, also die Kasernen, zurückkehren. Dazu müssten sie durch russische Straßenblockaden, über verminte Wege, über gesprengte Brücken in zerstörte oder von den Russen besetzte Militärstützpunkte.

Vladimir Socor ist ein Autor, den ich mir merken muss. Er hat zwei interessante Analysen geschrieben,  die das ganze Ausmaß dieser diplomatischen Selbstverstümmelung aufzeigen:

Zum einen zeigt er, wie der Kreml jetzt Georgien zerlegt. Ein Filetstück hier, eines da. Das Land wird praktisch zerschlagen. Die formelle Rechtfertigung liefert der Vertrag. Zum anderen zeigt er Punkt für Punkt, wie der Vertrag, den Sarkozy so stolz präsentierte, die vollständige Niederlage der europäischen Diplomatie enthält.

Veröffentlicht in EU, Krieg, Militär, Politik, appeasement | Verschlagwortet mit : , , , , , , , | 3 Kommentare »

Russische Spiele

Verfasst von califax am Mittwoch, 20. August 2008

Nachdem man Georgien vor den Georgiern gerettet hat, nachdem man Georgien gegen die Benutzung der georgischen Verkehrswege durch Georgier gesichert hat, und nachdem man Georgien davor gerettet hat, mit dem einzigen relevanten georgischen Wasserkraftwerk Strom und Wasser für die georgische Bevölkerung zu gewinnen, zieht man sich jetzt dermaßen zurück, daß sich die Balken biegen.

Natürlich nur unter der Bedingung, daß alle georgischen Truppen vorher in ihre Kasernen zurückkehren. Das sind nun zufälligerweise die Kasernen, die das russische Militär gesprengt, besetzt oder durch Sperrung der Verkehrswege abgeschnitten hat. Weil das russische Militär nämlich praktisch alle georgischen Kasernen gesprengt, besetzt oder abgeschnitten hat.

Aus irgendeinem Grund weiß ich schon, was passieren würde, sollte eine georgische Einheit dumm genug sein, sich mit ihren Waffen auf den Weg zu einer dieser Kasernen zu machen. Die russischen Friedenstruppen und ihre friedliebenden Freiwilligen müssten sich natürlich gegen die neuerliche georgische Aggression verteidigen. Kurzstreckenraketen, Vertreibungen und Plünderungen inklusive.

Wie sagte der russische NATO-Botschafter so schön: „Die Nato ist jetzt isoliert.“ Soviel zu dem Glauben, man könne Putin mit Kuscheln und Nachgeben beeindrucken. Der Kreml ist selbstbewußt und spielt seine Karten eiskalt aus. Deutschlands Annährungspolitik erweist sich jetzt als naiv. Schröder und Steinmeier haben im Kreml nichts erreicht, aber Deutschland und die EU massiv beschädigt.

Veröffentlicht in Krieg, Militär, NATO, Politik, appeasement | Verschlagwortet mit : , , , , | 2 Kommentare »

Panorama

Verfasst von califax am Dienstag, 19. August 2008

Veröffentlicht in Afghanistan, DDR, Kommunismus, Krieg, Militär, NATO, Politik, SED, Sprache, spd | Verschlagwortet mit : , | Kommentar schreiben »

Zitat des Tages

Verfasst von califax am Samstag, 16. August 2008

Woher diese nachgerade absurde Sympathie angeblich demokratischer Sozialisten für ein Land, das das Gegenteil von demokratisch und von sozialistisch ist?

[...]

Die Erklärung ist aus meiner Sicht viel einfacher: wenn Georgien der Hauptschuldige für den Krieg war, hat das für Deutschland so gut wie keine Konsequenzen, wenn es aber Russland war, hat das erhebliche Konsequenzen, die um so mehr gefürchtet werden, je weiter links ein Beobachter steht. Wenn Russland kein harmloser sondern ein höchst gefährlicher Nachbar ist, müssen wir Deutschen und Europäer uns vor ihm schützen. Unser Militär ist dann nicht nur für humanitäre Auslandseinsätze in exotischen Weltregionen erforderlich, wir brauchen es hier und zwar mehr davon als bisher. Wir brauchen auch wieder ein engeres Bündnis mit den USA, wahrscheinlich auch wieder reichlich amerikanische Truppen in Europa. Eine solche Perspektive ist nicht nur für extreme Linke, sondern auch für demokratische Sozialisten und sogar für die meisten Liberalen ein Gräuel. Sie werden mit aller Kraft den Kopf in den Sand stecken, ehe sie zugeben, dass etwas geschehen ist, was solche Konsequenzen hat. Es ist die gleiche Haltung, mit der die „Friedensbewegung“ früher ihre Ablehnung der Stationierung der Pershing und Cruise Missile begründet hat. Sie leugnete einfach, dass von der Sowjetunion wirklich eine Gefahr ausging und hat sicherlich auch selbst an dieses geschönte Bild geglaubt.

(Quelle: Abraham in Zettels kleinem Zimmer.)

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert | Kommentar schreiben »

Tiflis ist sicher

Verfasst von califax am Mittwoch, 13. August 2008

Die Russen brauchen Tiflis gar nicht einzunehmen. Das wäre nur verlustreich. Sie haben es durch die Bedingungen des “Waffenstillstands” und das Ausmaß der “Demilitarisierten Zone” (Gori!) militärisch, polizeilich und verwaltungstechnisch vom Rest des Landes isoliert.

Die von den Russen eingerichtete Pufferzone reicht im Osten offenbar bis 50Km vor Tiflis, also in die Gegend von Kaspi, und im Westen bis zur zweitwichtigsten Stadt Poti mit ihrem Hafen. Senaki gehört als wichtiger Militärflughafen, Verkehrsknotenpunkt und Kommunikationsknotenpunkt natürlich auch dazu. Weiterhin war bei den Verlautbarungen über die Waffenstillstandsvereinbarung bisher nicht die Rede von den Separatisten. Nur, daß die Georgier nicht auf die schießen dürfen und ihren Kasernen zu sitzen haben.

Man kann das kämpfen jetzt also den Guerrillas überlassen und jedesmal massiv in ganz Georgien zuschlagen, sobald georgisches Militär auch nur Selbstverteidigung ausübt. In Abchasien ist entsprechend eine erfolgreiche Kampigne zur Vertreibung der georgischen Bevölkerung im Gange. In den Dörfern rund um Südossetien wird geplündert und gebrandschatzt.

Das ist eine Okkupation, die nicht Okkupation heißt.

Noch besser: Nominell sind die Georgier weiterhin selbst dafür verantwortlich, die staatliche Authorität auszuüben, werden aber durch die Bedingungen und marodierende Separatisten effektiv daran gehindert.

Da die Russen aber

  1. wenigstens derzeit nicht selbst die Verwaltung und Polizei übernehmen werden (Souveränität Georgiens wurde bestätigt, und außerdem wäre ein vom Kriegsvölkerrecht legitimierter Guerillakrieg möglich) und

  2. die „Friedenstruppe“ nicht für Kriminalitätsbekämpfung oder Behinderung der Separatisten zuständig ist (sondern nur für das Einklemmen der georgischen Streitkräfte und den Schutz von Verwaltungsgebäuden),

entsteht ein Machtvakuum, in dem marodierende Banden ein Goldenes Zeitalter erleben könnten.

Es ist eine Okkupation, die nicht Okkupation heißt, und die auch nicht die Verpflichtungen einer Okkupation zur Verwaltung und Sicherung der okkupierten Gebiete beinhaltet.

Und für alle resultierenden Kämpfe zwischen Georgiern und Russen wird man den Georgiern die Schuld in die Schuhe schieben.

Raffiniert.

Nachtrag: Der nächste Schwung Nachrichten klärt sich allmählich. Die georgische Polizei darf nach Gori zurück. Herumliegende Munition und Blindgänger werden gesprengt. Die Russen werden sich also im Westen auf Tschinwali und in die umliegenden Berge zurückziehen.

Es fehlt aber noch eine Kleinigkeit: Warum die Absperrung von Gori? Warum wurden die Journalisten herausgetrieben? Und was ist in Poti los?

Nachtra No.2:

Nachtrag No.3:

While awaiting an international mechanism, Russian peacekeeping forces will implement additional security measures (six month)

Punkt 5 des sogenannten Friedensplans, den Sarkozy unter öffentlicher Demütigung durch die Russen ausgehandelt hat.

Das ist eine vertragliche Basis für eine Okkupation für die nächsten 6 Monate. Bis dahin war es eine völkerrechtwidrige Invasion. Sarkozy hat erreicht, daß sich die Russen, bei allem, was sie in der Gegend tun, auf diese Vereinbarung berufen können.

Damit hat er die rechtliche Absicherung für die bereits stattfindenen Verbrechen an der Zivilbevölkerung in ganz Georgien geschaffen.

Theoretisch könnte man damit auch einen Angriff auf Tiflis rechtfertigen. Tatsächlich findet derzeit nach allen Presseberichten bereits das statt, was man aus Tschetschenien kennt, und was bereits 1993 in Sochumi vorexerziert wurde. Nach letzten Berichten wird als nächste Stadt Kutaisi einen Eindruck von den russischen „Sicherheitsmaßnahmen“ bekommen.

Und ich glaube leider zu wissen, was die Reporter und UN-Helfer in Gori nicht sehen sollen.

Veröffentlicht in Krieg, Militär, Politik | Verschlagwortet mit : , , , , , , | 1 Kommentar »

Russische Panzer rücken aus Gori in Richtung Tiflis vor

Verfasst von califax am Mittwoch, 13. August 2008

Das ZDF telefonierte gerade mit seiner Korrespondentin. Diese hat sich einer russischen Armeekolonne angeschlossen, von Gori aus auf der Hauptstraße Richtung Tiflis unterwegs ist. Soviel zum Waffenstillstand.

Früher oder später werden die Georgier schießen müssen, spätestens dann, wenn die Panzer nach Tiflis reinwollen oder ihrerseits das Feuer auf georgische Stellungen eröffnen. Und dann wird Rußland die Georgier mit empörtem Gebrüll des Bruches der Waffenstillstandsvereinbarung beschuldigen.

Im Kreml muss bei jeder Erwähnung von Steinmeier und Sarkozy allgemeine Heiterkeit ausbrechen. Wann ist das letzte mal die europäische Diplomatie so offensichtlich blamiert wurden?

CNN Breaking News hat die ZDF-Meldung gerade bestätigt.

Siehe auch:

Nachtrag: Die Gerüchteküche brodelt. Die Truppen könnten zum einen in Kaspi oder 10-15 Km südwestlich davon nach Norden abbiegen und sich so wieder Südossetien nähern. Die andere Version besagt, daß es einen mit der georgischen Regierung abgesprochenen Marsch zu einem georgischen Militärlager bei Tiflis gibt. CNN spekuliert auf ein Kasernen gleich östlich von Gori auf der Hauptstraße. Das ZDF berichtet aber, man habe sich Tiflis auf 50Km genähert. Weiter vorne auf der Strecke hätte georgische Polizei eine Straßensperre errichtet. Klingt nach der Gegend kurz vor Kaspi.

Nachtrag No.2: Die Presseberichte werden allmählich klar. Die Russen errichten demzufolge zur Zeit eine „demilitarisierte Zone“, in der nur russische Truppen unterwegs sind. Alle innerhalb dieser Zone aufzufindene Militärausrüstung wird zerstört oder abtransportiert. Diese Zone reicht offenbar bis auf 50 Km an Tiflis heran und schließt Poti und Senaki ein. Das heißt: Alle wichtigen Verkehrswege des Landes. Sämtliche Häfen. Alle wichtigen Militärstützpunkte außerhalb des direkten Umlands von Tiflis. Mit Ausnahme des ziemlich unwegsamen Gebirgskammes im Süden und des direkten Umlands von Tiflis gehört ganz Georgien zu dieser von russischen Truppen besetzten und kontrollierten „demilitarisierten Zone“. Stellt sich nur noch die Frage, ob auch Kaspi schon dazu gehört.

Veröffentlicht in EU, Krieg, Militär, NATO, Nicht kategorisiert, Politik, UNO | Verschlagwortet mit : , , , , , , , , | Kommentar schreiben »

Kämpfe vorverlegt?

Verfasst von califax am Mittwoch, 13. August 2008

Kane hat für Zettels kleines Zimmer einen Leckerbissen ausgegraben: Die polnische Wikipedia zitiert Tschetschenische Separatisten. Diese hätten Dokumente mit Hinweisen auf einen Invasionsplan der Russen für Georgien ergattert:

Die Invasion sollte zwischen 20. August und 10. September stattfinden. Die Opertion war mit Abchasischen Separatisten koordiniert. Und sollte zweistufig verlaufen: Die Blitzeinnahme der Kodor Tales – des einzigen Teils Georgien, dass noch von Georgien kontrolliert wird und danach ein Angriff in Süd-Osettien und die Einnahme der Städte Kutaisi und Cchinwali. Der Blitzkrieg (Original im Text der polnischen Wikipedia) sollte 7 -10 Tage dauern. Wie Kwkaz-Centr berichtet diesen Befehl hatte Präsident Putin, noch vor seinen Rücktritt aus dieser Position herausgegeben.

Der Zeitplan passt nicht ganz zu den Ereignissen. Die geplanten Aktionen freilich schon. Das Deutsch ist etwas holprig. Das „Kodor-Tal“ ist das georgisch besiedelte Kodori-Tal in Nordabchasien. Dessen Bewohner werden gerade vertrieben.

Veröffentlicht in Krieg, Militär, NATO, Politik, Terror, UNO | Verschlagwortet mit : , , , , , | 2 Kommentare »

Die Befriedung läuft jetzt

Verfasst von califax am Dienstag, 12. August 2008

Nachdem die russischen Truppen die georgischen aus dem Feld geworfen haben, haben die Freischärler jetzt freie Hand. Abchasien und Ossetien werden durch die Milizen von georgischen Zivilisten gesäubert.

Auf CNN läuft gerade eine Pressekonferenz, in der der georgische Präsident darüber redet. Sarkozy steht daneben und probiert es mit fröhlichem Lächeln.

Mir wird schlecht.

Nachtrag:

Das ZDF hatte gerade eine Telefonleitung nach Gori. Südossietische Freischärler kämpfen in der Stadt und werden von einer großen Anzahl russischer Panzer gedeckt. Die Bevölkerung flieht in Panik. Wie vorherzusehen war, lehnen die Freischärler Verhandlungen mit Georgien ab. Dies war die russische Bedingung für einen Waffenstillstand. Auf CNN wurde aus einer Pressekonferenz der Auftrag der russischen „Friedenstruppen“ zitiert: Der Schutz von Verwaltungsgebäuten und Polizeistationen. Menschen oder Wohngebiete wurden nicht erwähnt.

Die Kämpfe gehen jetzt also weiter.

Man hat lediglich die russische Blitzkriegsstrategie abgebrochen und versucht jetzt, die Hauptlast der Kämpfe wieder auf die Freischärler zu verlagern. Ohne starke Verwicklung der Russen in Häuser- und Guerrillakämpfe bei gleichzeitiger Luftherrschaft und Belieferung der Freischärler ist ein Angriff auf Tiflis wieder möglich. Dieser würde zu monatelangen Kämpfen führen. Rußland würde die Verantwortung dafür auf die Unfähigkeit der Georgier zum Friedensschluß schieben und abwechselnd mal Verständnis für die Separatisten äußern und sie dann wieder kritisieren.

Siehe auch:

Veröffentlicht in Krieg, Militär, NATO, Politik, Terror, UNO | Verschlagwortet mit : , , , , , | Kommentar schreiben »

Zitat: Russia to Take Peacekeeping Mission in South Ossetia to Logical Conclusion.

Verfasst von califax am Montag, 11. August 2008

“We will certainly endeavor to take the peacekeeping mission to the logical conclusion,” the prime minister reiterated.

Quelle: Kommersant.

Wo ist eigentlich die sogenannte Friedensbewegung? Wo sind die Boykottkampaignen? Wo sind die Demonstrationen? Wo ist „Kein Blut für Öl“ geblieben?  Wo sind die hehren Apelle und „Informationsreisen“ des linken Rands? Alle gerade mit Israel beschäftigt? Naja, sobald der durchschnittliche deutsche Friedenskämpfer mitbekommt, daß es dort US-Soldaten gibt, wird er vor der russischen Botschaft applaudieren. Einstweilen sitzt er zuhause, wackelt wichtig mit dem Kopf und sieht sich darin bestätigt: Siehste. War doch gut, die Georgier nicht in die NATO zu lassen. War doch klar, daß das Krieg gibt, wenn die Amis auftauchen, diese Kriegstreiber. Habe ich doch alles genau gewusst. Und vor allem muss man das differenziert sehen, das heißt, die armen Russen können gar nicht anders, die Georgier sind selbst dran schuld und die Amis sowieso immer. Nur schade, daß keine Israelis dabei sind. Aber irgendein Jude findet sich noch. Versprochen.

Nachtrag: Die Invasion hat begonnen. Die Einnahme Senakis stellt eine Frage: Wird Poti mit seinem Schwarzmeerhafen eingekesselt oder im Sturmangriff genommen? Wenn die russischen Fallschirmjäger weiter so schnell sind, könnten sie bald in Abasha und Lanchkhuti stehen. Dann ist der Kessel um Poti fast zu.

Nachtrag No.2: Das ging alles so fix, daß unsere Presse nicht mitgekommen ist und das wahnsinnig aktuelle Fernsehen heute früh locker 12h hinterherhinkte.

Ausgangslage: Georgien hat seine besten Truppen im Irak stehen, keine nennenswerte Marine, kaum Kampfflugzeuge und keine 20.000 Mann an Soldaten. Um das zu ändern, gibt es militärische Zusammenarbeit bei Rüstung und Ausbildung mit der Ukraine, den USA und Israel. In dem Waffenstilstad in Südossetien und Abchasien hat Russland seine Friedenstruppen in den letzten Monaten und Jahren mit jedem Manschaftswechsel weiter über das vertraglich vereinbarte Maß hinaus verstärkt, und zunehmend reguläre Truppen ohne Blauhelm in die beiden Regionen verlegt. Die Führer der Separatisten sind interessanterweise russische Geheimdienstoffiziere (FSB, ex KGB). In den letzten Monaten wurde die russische 58. Armee, eine Motschützentruppe mit Schützenpanzern, Schützenpanzerwagen und einer relativ schwachen und veralteten Panzertruppe in Divisionsstärke (zirka 10.000 Mann), nach Nordossetien zu Manövern verlegt. Im Westen wurden Fallschirmjäger in Divisionsstärke (zirka 9000 Mann) Richtung Abchasien in Marsch gesetzt. Sowohl Abchasien als auch Südossetien haben eine gemischte Bevölkerung. In Abchasien sind die Abchasen eine Minderheit, die Mehrheit ist georgisch. In Südossetien leben überwiegend Osseten mit einer großen georgischen Minderheit.

Es ging eigentlich schon vor Monaten los, als ossietische Freischärler mit russischer Artillerie (Raketen und Mörser) georgische Dörfer, Polizeistationen und Militärstützpunkte in Südossetien unter Beschuß nahmen. Das Feuer wurde erwidert. Die Angriffe verstärkten sich in den letzten Monaten immer mehr. Es kam zu Attentaten auf georgische Polizisten und die Führung des georgischen Verwaltungsgebiets. Georgische Versuche, die Lage mit Aufklärungsflügen und Aufklärungsdrohnen zu überwachen, wurden von der russischen Luftwaffe vereitelt. Einige Drohnen und wohl auch einige Flugzeuge wurden abgeschossen. Durch Hinterhalte wurde die Bewegungsfreiheit der georgischen Polizeieinheiten und Friedenstruppen so sark eingeschränkt, daß Georgien in den Regionen praktisch blind wurde. Alerdings kann man davon aus ausgehen, daß man im Rahmen der militärischen Zusammenarbeit amerikanische Geheimdienstergebnisse nutzen konnte.

Vor einigen Tagen hatte sich das ganze schon zu einem richtigen Kleinkrieg ausgeweitet, bei dem Freischärler in Tschinwali kämpften, und es zwischen dem russisch „befriedeten“ Teil Tschinwalis und der georgischen Nachbarstadt Gori zu massiven Artillerieduellen kam. Zwischen dem 6. und dem 8. August gab es erfolglose Versuche, die ständigen Artillerieduelle, bei denen etliche Dörfer zerstört wurden, durch Verhandlungen einzudämmen.

Am frühen Morgen des 8. August dringen russische Truppen der 58. Armee über den Roki-Tunnel nach Südossetien ein und  marschieren auf Tschinwali. Schaut man auf die Karte, sieht man, daß die Truppen spätestens am Vorabend aufgebrochen sein müssen. Dann wären sie den Bergpass in der Nacht hochgefahren. Vermutlich waren sie schon oben und haben vor dem Angriff nur übernachtet. Die Georgier stoppen den Vormarsch durch einen Luftangriff.

Weitere russische Einheiten folgen und müssen wegen einer zerstörten Brücke (eventuell bei Kurta) einen Umweg nach Tschinwali machen.  Wahrscheinlich führt der Weg über die gut ausgebaute Bergstraße, die nördlich von Kurta beginnt und westlich von Kurta einen Bogen durch  die Berge nach Tschinwali schlägt. Die Georgier setzen sich in Marsch und dringen auf Tschinwali vor. Zu diesem Zeit haben bereits russische Luftangriffe auf das gesamte georgische Territorium begonnen. Gegen 15:00 am 8.8. sind die Häuserkämpfe in Tschinwali eigentlich beendet. Die Georgier kontrollieren die Stadt. Waffenstillstand zur Evakuierung der Bevölkerung. Amnestieangebot an ossietische Freischärler, wenn diese die Waffen niederlegen.

Gegen 18:00 beginnt mit Angriffen ossietischer Guerillas, heftigem Artilleriefeuer und Luftangriffen der russische Angriff auf Tschinwali bei Dzara an der westlichen Bergstraße. Gegen 19:00 stehen starke russische Kräfte nördlich und nordwestlich von Tschinwali und beschießen die Stadt und umliegende Stellungen. 20:30 ziehen sich die Georgier aus Tschinwali zurück, russische Panzer dringen nach Tschinwali ein. Es folgt unter starkem russischen Druck ein überstürzter Rückzug nach Gori, wo man beginnt, sich einzugraben.

Nach heftigen Artillerieduellen treiben die russischen Truppen die Georgier nach Tiflis zurück. Zu dieser Zeit hatten die Abchasen, verstärkt durch die russischen Fallschirmjäger und eine russische Seeblockade an der Küste, bereits der georgischen Bevölkerung in Abchasien ein Ultimatum gestellt: Verschwindet oder wir treiben Euch mit Gewalt raus. Rußland und Abchasien nutzen diese Gelegenheit erneut, um den Georgiern Völkermord und Ethnische Säuberungen vorzuwerfen.

Was dann folgt, kann man der Presse ganz gut entnehmen, wenn man sich nicht davon verwirren lässt, daß Journalisten nur ungern auf Karten oder Landschaftsfotos schauen. Eine russische Vorhut besetzt Gori, unterbricht damit wichtige Kommunikationsverbindungen und blockiert  die wichtigste Verkehrsroute zwischen West- und Ostgeorgien. Damit wird gleichzeitig Tiflis abgeschnitten und stark bedroht. Am Abend räumt man die Stadt aber wieder. Russische Fallschirmjäger dringen via Zugdidi nach Senaki vor und besetzen damit einen wichtigen Kommunikationsknotenpunkt und einen Flughafen. Die georgischen Trupen in Senaki waren bereits abgezogen. Die Fallschirmjäger ziehen  am 10.8. abends in die Kasernen von Senaki ein. Damit ist das Ostende der Ost-West-Verbindung Georgiens besetzt und der wichtige und bereits mehrfach bombardierte Schwarzmeerhafen Poti für den nächsten Tag von Einkesselung bedroht.

Am 11. wird aber Poti nicht eingekesselt, sondern widerstandslos eingenommen. Senaki wird geräumt. Poti wird ebenfalls wieder geräumt. In Achasien beginnt ein Großangriff der Freischärler auf die verbliebene georgische Bevölkerung, wahrscheinlich unterstützt von russischem Militär.

Die ganze Kampaigne wurde vom 6. bis zum 12. durch einen massiven Guerillakrieg begleitet, bei dem es in ganz Abchasien und Südossetien zu Feuerüberfällen auf georgische Soldaten, Polizisten und Verwaltungsbeamte kam. Die Legende, Rußland hätte auf einen Husarenstreich von Saakaschwilli reagiert, läßt sich angesichts der Ereignisse nur besonders dummen und schlecht informierten Leuten verkaufen. Tatsächlich hat hier ein von langer Hand vorbereiteter Blitzkrieg mit perfekter propagandistischer Begleitung stattgefunden, der stark an die amerikanischen Methoden beim Einmarsch in Afghanistan und später beim Einmarsch in den Irak erinnert.

Nachtrag No.3: Nach Angaben der georgischen Regierung hat die von den Abchasiern angekündigte Vertreibung der georgischen Zivilbevölkerung aus Abchasien begonnen. Es gibt neue Kämpfe rund um und in Gori. Die Fernsehstation in Gori wurde von russischen Truppen gestürmt. Ein Mitarbeiter des Senders wurde getötet. Am frühen Abend haben russische Truppen in Poti mit der Versenkung der dort vor Anker liegenden georgischen Schiffe und Boote begonnen. So viel zum allgemeinen Aufatmen. Der Krieg geht weiter.

Siehe auch:

Veröffentlicht in Krieg, Militär, NATO, Pazifismus, Politik | Verschlagwortet mit : , , , , , | 6 Kommentare »

Gute Nachricht

Verfasst von califax am Donnerstag, 7. August 2008

Ein in Afghanistan entführter Deutschafghane ist wieder frei. Das ist auch eine gute Nachricht. Dem steht aber die Nachricht gegenüber, daß er überhaupt entführt wurde. Die bessere Nachricht ist ein Detail am Rande: Wer hat ihn befreit? Es waren die afghanischen Sicherheitskräfte mit einem offenbar perfekt vorbereiteten Zugriff.

Bisher gibt es keine Meldungen über eine Schießerei beim Zugriff. Es scheint auch keine Verletzten oder Toten gegeben zu haben. Dies war also nicht die schon zum Klischee gewordene afghanische Taktik Schreien->Fuchteln->Dauerfeuer, sondern eine professionelle, saubere Polizeiaktion, wie man sie aus befriedeten, gut organisierten Staaten kennt. Und das ist eine sehr, sehr gute Nachricht. Es geht also doch etwas voran.

Veröffentlicht in Afghanistan, Kriminalität, Militär, Polizei | 1 Kommentar »