The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Schlechte Zeiten

Verfasst von califax am Mittwoch, 25. Juni 2008

In unserer hektischen Zeit wird jedes zweite Phrasendreschen in den Medien damit eingeleitet, daß gerade heute in unserer hektischen Zeit und so weiter. Gerade ging es um die Wichtigkeit von ausreichendem Schlaf, speziell um das Nickerchen. In unserer heutigen hektischen Zeit bekommt man das nämlich nicht mehr ausreichend.

Ganz im Gegenteil zur überhaupt nicht hektischen sondern ruhigen und entspannten früheren Zeit, als man vor Morgengrauen aufmusste, das Frühstück in möglichst 30 Sekunden runterschlingen musste (mit Prügel vom Vater eingedrillt), anschließen 12-16 Stunden fast ohne Pause auf Arbeit malochte, dabei ständig vom Aufseher angetrieben wurde, und abends nach einer Wassersuppe mit Brot halbtot ins Bett fiel. Friedlich eingeschläfert von 6-12 schreienden Kindern, die man auch mit der damals üblichen Prügelerziehung nicht still bekam.

Aber wenigstens war das Leben auf der Straße viel entspannter. Bandenunwesen, Menschenmassen, die sich in überfüllten Zügen und engen Gassen drängeln, Amtszeiten, bei denen man Behördengänge nur im Sprint erledigen konnte - schon weil man noch lange Schlangen mit einberechnen musste - Autofahrer ohne richtige StVO, bimmelnde Straßenbahnen, Pferdewagen, dazwischen Chaos, weil durch Anlieferungen die halbe Straße verstopft wird, hektisches Gerenne um eine Portion Kohlrübensuppe von der Arbeiterhilfe, ungemein entspannende Straßenschlachten zwischen Roten und Braunen, …

Ja, wie idyllisch war doch das Leben früher, als wir weder Freizeit noch verkehrberuhigte Zonen hatten und die Zeit zwischen Fernsehprogramm und Parkspaziergang überwiegend nicht in leisen Büros mit kurzen Arbeitszeiten verbrachten, sondern fast den ganzen Tag in ohrenbetäubend lauten Werkstätten unter strenger Aufsicht - möglichst im Akkord - schuften mussten. Als man bei Otto- und Dieselmotoren noch hörte, daß es Explosionsmotoren sind, als ohrenbetäubende Dampfmaschinen den Takt vorgaben, als überall Züge quietschten und heulten, …

Aber auf dem Land erst! Ja, das idyllische Landleben. Wir alle wissen ja, daß das früher viel gesünder und näher an der Natur war. So richtig mit Arbeitsbeginn vor dem Morgengrauen und Schufterei bis in die  Nacht; ununterbrochenem Schuften auf dem Feld und bei den Tieren; dazwischen alle möglichen Reparaturen; mangels Maschinen alles von Hand bis zum Leistenbruch; natürlich auch bei Grippe und Schwindsucht, denn sonst verhungert man; in der “Freizeit”: Dach neudecken, Ställe flicken, Bewässerungsgräben instandhalten, Holzhacken, weil man im Winter sonst erfriert, flachsen, spinnen, nähen, stricken, Wolle kämmen, Böden schruppen, Rattennester ausheben, Obst und Gemüse ziehen, ernten, konservieren, Wäsche kochen, schlagen, walken, bleichen, mangeln und beim Trocknen immer schön aufs Wetter achten, Werkzeug herstellen, Möbel basteln, Wagen flicken und lernen, die 20 Kilometer bis zum nächsten Arzt in Rekordzeit zu rennen. Ja, wie geruhsam war doch das Landleben früher.

Ganz im Gegenteil zu unserer heutigen hektischen Zeit, in der eine ganze Industrie von der Freizeitgestaltung des Durchschnittsmenschen lebt. Einer Freizeitgestaltung für die man früher weder Zeit noch Kraft gehabt hätte.

Was mich wundert, wo doch früher alles besser war: Warum leben wir heute dann so viel länger und gesünder? Wie schaffen wir es eigentlich, in unserer heutigen hektischen Zeit dick und faul zu werden? Und wann denken Journalisten eigentlich mal über den hanebüchenen Unsinn nach, den sie ständig so von sich geben?

4 Antworten zu “Schlechte Zeiten”

  1. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Tageslektüre und Diskussionen am 26. Juni 2008 sagt:

    [...] —————————————————————————————————- Von den schlechten alten Zeiten… Widerworte gegen die romantische Verklärung des Vergangenen (Link) [...]

  2. Rainer sagt:

    Lieber califax,
    wie Recht Sie doch haben! Mich nervt diese merkwürdige Nostalgie auch seit langem. Ich denke, das hängt mit völlig falschen Vorstellungen der Leute zusammen, geprägt durch die Medien. Ähnliches bestaune ich etwa in ökologischen Diskussionen, in denen viele ein Weltbild offenbaren, das ich nur als Öko-Disneyland bezeichnen kann. “Gleichgewicht der Natur” - als hätte es das jemals gegeben! 99,9% aller je existenten Spezies sind ausgestorben. Und das sogar ohne den bösen, bösen Homo Sapiens!
    Es darf jedenfalls nicht verwundern, dass Fantasy in den letzten Jahren einen derart gigantischen Erfolg verbuchen konnte, während die SF in den USA lange Jahre höchst erfolgreich war. Hier offenbarte sich ein Kulturunterschied: Der Europäer sehnt sich nach der “guten, alten Zeit”, der Amerikaner ist voll des Optimismus, was die Zukunft betrifft. Und warum auch nicht? Die Wälder sind grün und üppig, die meisten Seen und Flüsse in Mitteleuropa haben Trinkwasserqualität, niemand muss mehr verhungern oder fürchten, aus reiner Willkür hingerichtet zu werden. Und trotzdem jammern die Leute herum, wie furchtbar doch nicht alles sei.

  3. califax sagt:

    Ja, irgendwie prägen viele Menschen ihr Naturbild (aber auch viele andere Ansichten über die Welt) anhand von Kinderbüchern. Man denke nur an das Entsetzen als Knut doch tatsächlich die Karpfen geerntet hat - wie das Bären nunmal zu tun pflegen.
    Und in der Presse, vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, schlägt dieses infantile Bildungsniveau voll durch. Nicht, daß die Privaten besser wären, die sind aber mit den drei Ts (Titten, Tränen, Tratsch) voll ausgelastet.
    Im Bayern gibt es natürlich ein starkes Interesse an nostalgischen Lügen - man möchte, daß die alten, erzkonservativen Zuschauer zustimmend nicken und gewogen bleiben. Aus der Sicht eines Rentners ist das Leben immer hektisch. Kindern erscheint ein Jahr wie eine Ewigkeit, an Rentern fliegt es wie ein Blitz vorbei. Irgendwie ungefähr unser Gehirn.
    Dafür gibt es spezielle Sendungen über aussterbende Handwerksberufe (meist sogar sehr interessant) oder die guode oide Zeit.
    Aber in der Regel ist die Notstalgie im Fernsehen eigentlich nur strunzdummes Phrasengedresche, daß irgendwie zum Ausdruck bringen soll, wie schlimm doch alles heute ist.
    Ich kann den Einwand der Ningler und Nörgler schon hören: “Ja glauben Sie denn ernsthaft, wir lebten in der besten aller Welten?!”
    Ja, verdammt, das glaube ich! Und zwar ernsthaft. Die Vergangenheit war im Vergleich zum heutigen Deutschland einfach scheiße.
    Andere Länder, in denen es einem so gut geht, wie bei uns, muss man erstmal lange suchen - exotische Reiseländer sind übrigens nicht dabei, im Gegenteil.
    Wir schwimmen im Reichtum, unsere Ärmsten sterben an Übergewicht! AN ÜBERGEWICHT!
    So gut ging es den Deutschen noch nie. So gut es nur sehr wenigen Menschen auf der Welt. Und dabei haben wir noch einen erstklassigen Umweltschutz hingekriegt.
    Das ist tatsächlich die beste aller Welten.

  4. Elsa sagt:

    Widerspruch! Ich habe mich als Individuum noch nie so belästigt und bedrängt gefühlt vom Kollektiv wie heute. Die beste aller Welten, die beste aller Zeiten, das beste Deutschland? Dass ich nicht lache! Als ich noch nicht “wusste”, als man mir die zu 99 % erfasste Welt - so, wie sie ist - noch nicht präsentierte und als permanentes Kontrastmittel (als Objekt und Projekt zugleich) von den Medien vorgelegt, ins Haus geliefert und um die Ohren gehauen hat, da ist es mir wesentlich besser gegangen. Nur: da war ich noch nicht da - leider, wie ich hinzufügen möchte (-;! Da war Glück und Unglück, Einfachheit, Besinnung, Konzentration - und wenn es die auf Arbeit war.

    Ihr (via BLOG hier nachgelesenes) pralles Lob des Heutigen führt mich direkt zurück zu jenem Buch, das ich gerade zugeklappt habe: “Die blaue Blume”, heisst es; Penelope Fitzgerald beschreibt darin einen Ausschnitt aus Novalis’ Leben und dem seiner Zeit, und ein eigenartiges Wohlgefühl macht sich breit über ein individuelles Befinden, einen gesellschaftlichen Zustand, da man die wesentlichen Dinge noch überschauen und für sie einstehen konnte, so oder so.

Eine Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>