The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf

Verfasst von califax am Dienstag, 17. Juni 2008

Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

Bertolt Brecht

Heutiger Lesetip: 17. Juni 1953 (Bundeszentrale für politische Bildung)

Nachtrag:

Das Lied der Partei

Sie hat uns alles gegeben.
Sonne und Wind und sie geizte nie.
Wo sie war, war das Leben.
Was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns niemals verlassen.
Fror auch die Welt, uns war warm.
Uns schützt die Mutter der Massen.
Uns trägt ihr mächtiger Arm.

Refrain:

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei – die Partei – die Partei.

Sie hat uns niemals geschmeichelt.
Sank uns im Kampfe auch mal der Mut,
Hat sie uns leis nur gestreichelt,
zagt nicht und gleich war uns gut.
Zählt denn noch Schmerz und Beschwerde,
wenn uns das Gute gelingt.
Wenn man den Ärmsten der Erde,
Freiheit und Frieden erzwingt.

Refrain

Sie hat uns alles gegeben,
Ziegel zum Bau und den großen Plan.
Sie sprach: Meistert das Leben,
Vorwärts Genossen packt an.
Hetzen Hyänen zum Kriege,
Bricht euer Bau ihre Macht,
Zimmert das Haus und die Wiege,
Bauleute seid auf der Wacht.

Refrain

Louis Fürnberg, 1950

Übersetzung für normale Menschen: Bitte, bitte erschießt mich nicht!!!

8 Antworten zu “Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf”

  1. Zettel sagte

    Lieber Califax,

    es ist instruktiv, dieses – damals nicht publizierte – Gedicht Brechts zusammen mit einem Text zu lesen, dessen Veröffentlichung er wollte oder jedenfalls zuließ, nämlich seiner Ergebenheitsadresse an Ulbricht, Grotewohl und den sowjetischen Hochkommissar Semjonow:

    „Die Geschichte wird der revolutionären Ungeduld der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ihren Respekt zollen. Die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sichtung und Sicherung der sozialistischen Errungenschaften führen. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszusprechen.“

    Man hat diesen Text als ein besonders raffiniertes Beispiel Brecht’scher List interpretiert. Aus meiner Sicht war es nichts als Ausdruck der Feigheit vor der Macht, die Brecht immer gezeigt hat – auch, als er vor dem McCarthy-Ausschuß so tat, als hätte er nie mit dem Kommunismus auch nur sympathisiert.

    Das ändert, lieber Califax, sicher nichts daran, daß das Gedicht gut ist und einen ganz anderen Brecht zeigt.

    Herzlich, Zettel

  2. califax sagte

    Es ist einfach, feige zu sein, wenn auf Mut die Todesstrafe steht und diese auch im Ausland durch Mordkommandos vollstreckt wird.
    Für mich ist Brecht nicht so sehr ein Feigling sondern vor allem ein bigotter Lügner und Heuchler. Ein typischer Marxist.
    Das interessante an seinem Gedicht ist nicht so sehr die Kritik, schon wegen der musste es ihm sein Lebenswille verbieten, das Gedicht zu veröffentlichen, sondern die fehlende konsequente Distanzierung.
    Was man da sieht, ist ein Kopfschütteln, garniert mit etwas Sarkasmus.
    Keine Anklage, kein Hinweis auf das begangene Verbrechen.
    Sondern Kopfschütteln über ein Mißverständnis.

    Ich habe den Nachtrag reingesetzt, um ein deutliches Zeichen des damaligen politischen und künstlerischen Klimas danebenzusetzen.
    Solche Verbundenheitsadressen waren im Stalinismus keine unbedingt ehrliche Angelegenheit, sondern bei jeder Krise überlebensnotwendig.
    Wer auch nur in den Verdacht geriet, sich distanzieren zu wollen, wurde in den Säuberungswellen umgebracht.
    Da half Leuten, die nicht unter dem Radar segeln konnten, nur allerhöchste Untertänigkeit und aktive Mitwirkung am Verbrechen.

    Brecht hat wie auch die meisten westlichen Marxisten nie die Konsequenzen aus dem Terror gezogen.
    Man leugnet, man verharmlost, man lenkt ab, man bemüht jede noch so große Schweinerei, um zu rechtfertigen.
    Aber man will ums Verrecken nicht zugeben, Teil einer Verbrecherbande zu sein oder gewesen zu sein, die 100 Millionen Menschen auf dem Gewissen hat.
    Was mich immer wieder an Brechts Gedicht verwundert, ist dieses völlige Fehlen einer Anklage, die doch das wichtigste Mittel des politischen Dichters ist.
    Stattdessen nur Kopfschütteln über eine politische Dummheit, als wäre es ein Kommentar zu einem verpatzten Gesetzesvorschlag zur Krankenversicherung.

  3. Zettel sagte

    Das wäre, lieber Califax, einem Brecht in der DDR gewiß nicht passiert.

    Er war für das Regime ja eine Kostbarkeit. Geschickt, wie er war, hatte er sein Geld auf einem Konto in der Schweiz und hätte jederzeit die DDR verlassen können; einen international anerkannten Dichter hätte man damals nicht daran hindern können. Aber die Kommunisten, die ja kulturell nichts vorzuweisen hatten, wollten ihn unbedingt halten.

    Das Regime hatte ihm etwas geschenkt, wonach er sein ganzes Leben lang gestrebt hatte: Das eigene Theater, in dem er unumschränkt der „Chef“ war (so wurde er allgemein genannt). Er sah sich vor allem als ein Lehrer, mehr denn als Künstler. Er wollte die Macht haben, lehren zu dürfen.

    Das hat ihn fasziniert; so hat es zB Marcel Reich-Ranicki beschrieben. Und er selbst konnte Menschen faszinieren. Er hat sie nach Strich und Faden ausgebeutet, alle die Frauen, die für ihn arbeiteten und für ihn in jeder Hinsicht da waren. Aber sie haben alle gut über ihn gesprochen, auch noch lange nach seinem Tod.

    Herzlich, Zettel

  4. califax sagte

    Tja, ein bigotter Heuchler und Lügner eben. Er hätte zumindestens nach dem Abflauen von Stalins Terror problemlos seine Unterstützung der Diktatur einstellen und Klartext reden können. Aber das private nicht für die Öffentlichkeit gedachte Gedicht zeigt ja, daß er daran gar nicht so interessiert war. Er schüttelt den Kopf über ein Kommunikationsproblem, das Verbrechen interessiert ihn nicht.
    Er hat große Ideale vorgeschoben. Aber sie waren ihm nicht einmal eine private Notiz wert. Er ist einer von den vielen, die mit fest zugekniffenen Augen durch’s Leben gehen.
    Von solchen Leuten lebt die Diktatur.

  5. califax sagte

    PS.: Ist zwar nur eine Lappalie, aber vielleicht wird ja ein Zitat hier mal wichtig, daher:
    Ihr Zitat ist leider technisch schiefgegangen, und ich kann Kommentare nicht nach der Veröffentlichung editieren, nur nachträglich löschen und neu einstellen.

    Ich hab das Zitieren jetzt mal ausprobiert.
    Die korrekte Syntax lautet

    Zitat

    PS2.:
    Ich suche noch nach einer Möglichkeit, ihre Kommentare ohne Moderation direkt freizuschalten, ohne dabei alle beliebigen Kommentare automatisch mit freizuschalten.
    Derzeit scheint WordPress das aber nicht zu bieten.

  6. califax sagte

    Ok. Das lass ich jetzt als Mahnung an die Nachwelt stehen.
    Man vergesse nie das Escapen!

    Die Syntax lautet:

    blockquotetag auf
    Zitat
    blockquotetag zu.

    Ich muss ins Bett. Sofort.

  7. Zettel sagte

    Na, dann versuch ich’s mal, lieber Califax:

    Man vergesse nie das Escapen!

    Das ist zwar nicht ganz so schön wie das Zitieren im „kleinen Zimmer“, aber – wenn’s geklappt hat – doch auch schön. :)

    Herzlich, Zettel

    (Schön wäre eine Vorschau; dann hätte ich merken können, daß was nicht stimmte)

  8. kat sagte

    also ich mag Sarkasmus…
    das ist eines meiner Lieblingswörter!
    Wie wäre es dann mit einer Nihilistisch-sarkastischen Partei Deutschlands?

    Gruss,
    kat

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