Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.
Verfasst von califax am Dienstag, 20. Mai 2008
Wie nennt man einen Anwalt, der seine Mandanten verrät? An den Gegner vor Gericht, den Gegner am Abhörgerät, den Gegner in der Lebensgestaltung?
Das Oberverwaltungsgericht Berlin hatte zu einem Stasi-Bericht vom 5. Oktober 1979 bereits einen wichtigen Zeugen geladen. In den Akten selbst taucht er noch als großer Unbekannter auf. Laut Stasi-Bericht des Führungsoffizieres Günter Lohr nahmen an einem Treffen „in den späten Abendstunden“ des Oktobertages 1979 vier Personen teil: Havemann selbst, seine Frau Katja, „Rechtsanwalt Dr. Gysi“ und „eine männliche Person“ namens „Erwin“.
Wie nennt man einen Anwalt, der seine Mandanten im Auftrag desselben Regimes ausspioniert, gegen dessen Repressionen er sie vertreten soll? Wohlgemerkt: während des anwaltlichen Vertrauensverhältnisses, nicht irgendwann zu anderen Zeiten.
Das Gericht konnte nun diesen Zeugen ausfindig machen. Der damalige DDR-Schriftsteller Thomas Erwin nahm 1986, als er sich der Malerei zuwandte, den Geburtsnamen seiner Mutter an. – inzwischen nennt sich die „männliche Person“ namens „Erwin“ Thomas Klingenstein. Der Maler war eigentlich für Mittwoch in den Zeugenstand des Oberverwaltungsgerichtes geladen.
Man muss vorsichtig sein mit passenden Ausdrücken, denn Gregor Gysi, der strahlende Saubermann, ist ein klagefreudiger Rechtsanwalt.
Seine Aussage wäre für Gysi wohl mit einer gewissen Brisanz behaftet gewesen. Denn in dem Stasi-Protokoll wird eine gemeinsame Autofahrt am Ende des Oktoberabends geschildert, an die sich Klingenstein noch gut erinnern kann. Damals, so Klingenstein zum SPIEGEL, sei er mit Gysi von Havemanns Wohnort Grünheide aus in dessen Trabi nach Berlin zurückgefahren und habe ihm von sich und seinen Problemen mit dem Staat erzählt. In der Stasi-Akte heißt es: „Der IM nahm ‘Erwin’ mit in die Stadt und erfuhr zur Person folgendes…“
Einer, der die Mittel des Rechtsstaates ausnutzt, den er offenbar in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit, „Schild und Schwert“ der kommunistischen Partei verhindern wollte. Einer der die Veröffentlichung ironischerweise Weise mit Verweis auf die anwaltliche Schweigepflicht verhindern wollte. SEINE Schweigepflicht, die während des gesamten Verrats bestand und heute nur noch ihn schützen sollte!
Offizier Lohr notiert vom Inoffiziellen Mitarbeiter über Klingenstein aus dieser Unterhaltung unter anderem: „Abiturient, negativ eingestellt.“
Wie nennt man so einen wohl? Ich bitte um Vorschläge.
Einen weiteren „Bericht über ein geführtes Gespräch mit Rechtsanwalt Dr. Gysi am 10.7.1979″ wollte Gysi ebenso wenig öffentlich werden lassen. Darin wird ein Gespräch zwischen Gysis Vater Klaus und SED-Generalsekretär Erich Honecker über den Stand des Verfahrens gegen Havemann geschildert. Wörtlich heißt es darin: „Im Ergebnis hätte Gen. Honecker die juristisch konsequente Verteidigung von Rechtsanwalt Gysi begrüßt“ und „an Rechtsanwalt Gysi Grüße mit der Empfehlung übermitteln lassen, ein Vertrauensverhältnis zu Havemann herzustellen mit dem Ziel, dass dieser seine Außenpropaganda einstellt.“
Wie nennt man so einen, ohne gegen Gesetze zu verstoßen?
Als Anlage dazu existiert noch ein „Tonbandbericht“, in dem in der „Ich“-Form ein vertrauliches Gespräch mit Havemann wiedergegeben wird: „Ich schlug ihm noch einmal vor, jegliche Veröffentlichungen im Westen zu unterlassen und sich allein auf die DDR zu beschränken.“ Havemann wollte am Ende wissen, heißt es darin, „ob mein Verhältnis zu meinem Vater freundschaftlich oder kritisch sei.“
Eigentlich ganz einfach: Einen typischen roten Bonzen. So hat man sie in der DDR genannt. Einen Marxisten. Einen aufrechten Anwalt für die Nöte des kleinen Mannes. Einen, der für eine gerechtere Welt eintritt. So wollen sie alle genannt werden.
Es gibt keine guten und keine schlechten Marxisten. Nur solche, die die Macht haben, und solche, die sie erst noch (zurück-)erobern müssen. Und ich werde mir meine Wut lieber verkneifen, weil es Dinge gibt, die man auch in einem anonymen kleinen Blog nicht schreiben sollte.
Siehe hier: Stasi-Akten bringen Gysi in Bedrängnis.
Nachtrag:
Zitat des Tages: Grüße des Genossen Honecker an den Rechtsanwalt Gysi.
Gysi und die Stasi-Eine unendliche Geschichte.
Nachtrag No. 2: Heute (28.5.2008) gab’s eine aktuelle Stunde des Bundestages dazu. Ich warte darauf, daß der Mitschnitt bzw. die Redeprotokolle im Netz sind. Das Abrufen von Videos aus dem Archiv auf bundestag.de ist irgendwie nicht so geschickt gemacht.
Nachtrag No. 3: Die Welt hat den Text von Gysis Verteidigungsrede veröffentlicht. Mir kam sie vor allem im ersten Teil länger vor, aber das kann täuschen. Die Schrift transportiert ja nicht den Tonfall.