Aktienkurse und Unternehmenspolitik
Verfasst von califax am Montag, 5. Mai 2008
Mal wieder ein Selbstgespräch…
Links im RSS-Feed vom Europe Media Monitor findet sich, während ich das hier schreibe, eine schöne Schlagzeile: Geplatze Übernahme - Anleger strafen Yahoo ab.
Mir geht es nicht um den Fehler, obwohl der ein schönes Bild zum Platzen der Übernahmespekulationen abgibt, sondern um den sehr typischen Denkfehler. Eigentlich sollte es ja nur Rhetorik sein, aber viele Menschen nehmen es seltsamerweise wortwörtlich. Der Mythos lautet: Die Anleger, oder besser noch - anonyme Aktienkurse an einer ominösen Börse, bestraften oder belohnten eine Firma für deren Politik. Das ist Voodoo und hat mit der Realität nichts zu tun. Was passiert da? Kann man das auch ohne die üblichen sprachlichen Nebelkerzen beschreiben?
Bei Yahoo ist eine Spekulationsblase geplatzt. An der Oberfläche sieht es toll aus: 2007 standen 730 Millionen Dollar Gewinn in den Büchern. Dazu gehört ein Umsatz von 7 Milliarden Dollar. Beeindruckend oder? Das sind etwas mehr als 10% Gewinn. 2006 hatte man bei zirka 6,5 Milliarden Umsatz 750 Millionen Gewinn. 2005 hatte man bei etwa 5,3 Milliarden Umsatz noch 1,9 Milliarden Gewinn. Das waren noch andere Zeiten. 2005 waren es bei 3,5 Milliarden Umsatz schöne 850 Millionen Dollar Gewinn. Ich habe die Zahlen von Wikipedia.org gerundet. Die haben sie aus den Geschäftsberichten von Yahoo. Die Gewinnkurve zeigt nach unten. Der Aktienkurs lag mal bei über 100 Dollar pro Stück. Heute verteilt sich der Firmengewinn auf zahllose Billigaktien unter 30 Dollar pro Stück. Nun möchte man wohl am liebsten auf die Lohnkosten von 2005 zurück. Massenentlassungen sind angekündigt und eventuell schon im Gange. Das gäbe ein großes Hallo im Abschlußbericht, der Gewinn dürfte dann für 2008 die Milliardengrenze knacken. Sieht toll aus sowas. In den Büchern. Aber bringt es auch was? Nun sitzen die Leute, die da entlassen werden, ja bisher nicht untätig im Büro rum. Da fallen also Dienstleistungen und Angebote weg. Und damit gehen wieder Nutzer. Damit sinken die Werbeeinnahmen, die den Mammutanteil von Yahoos Umsatz ausmachen.
Yahoo ist trotz hoher Zahlen schon lange ziemlich am Boden. Von der Internetlegende, die in einer Ahnenreihe mit dem längst vergessenen Altavista und dem aktuellen Platzhirsch Google das Web beherrschte, ist nicht viel mehr als der Name übrig. Yahoo ist das fettgedruckte Lehrbuchbeispiel für das Scheitern des Portalhypes der 90er Jahre. Bald wird auch der Name vergessen sein. Wer kennt denn heute noch Altavista? Wer kennt noch SUNSITE.UNC.EDU? Wer hat noch einen Archie-Client? Legenden sind sterblich. Yahoo krebst mit einem mehr oder weniger gescheiterten Portal herum. Die Suchmaschine, einst der eigentliche Nutzermagnet von Yahoo, ist tot und wurde von Google beerbt. Die Sammlung kommerzieller Nachrichten ist wertlos, seit die Zeitungen und Sender selbst begriffen haben, wie man eine Website erstellt und pflegt. Die Werbepreise sind immer noch im Keller, Bezahldienste werden ums Verrecken nicht akzeptiert, wenn nicht gerade ein Applelogo draufgepappt ist. Und jetzt ziehen auch noch Blogdienste und Forensoftware die Nutzer weg.
Oh, welche Nutzer? Man weiß eigentlich gar nicht so genau, wieviele der über 300 Millionen Accounts wirklich noch genutzt werden. Und welche bringen Geld ein? Wer klickt denn im Internet auf Werbung? Eben. Die Werbeeinnahmen kommen aus bezahlten Links auf der Yahoo-Suchmaschine. Eine Art gelbe Seiten also. Sowas lebt nur von Größe. Aber Google ist größer. Microsofts Onlinedienst kommt wieder auf. Yahoo und das von Yahoo gekaufte AltaVista sind für Web-Anfänger längst nicht mehr das Synonym für Internet, WWW oder Suchmaschine.
Die realen Wachstumschancen von Yahoo nähern sich der Nullinie. Viel wahrscheinlicher ist der weitere sang- und klanglose Niedergang der Firma. Entsprechend sehen die Aktienkurse von Yahoo auch normalerweise aus. Es sind ja wegen der Aktienmenge keine fetten Gewinnausschüttungen zu erwarten. Dauerhafte Wertsteigerungen der Firma? Dazu müsste das Management Goldminen oder Ölquellen kaufen. Boshaft gesagt, könnte man den Wert der Firma schon erhöhen, wenn man auf dem Gebrauchtmarkt das Büromobiliar erneuert. Gegenwertig versucht man aber zu wachsen, in dem man Web2.0-Unternehmen ohne tragfähiges Geschäftsmodell kauft. Starker Traffic, hohe Schulden, geringer Umsatz. Damit lassen sich natürlich Nutzerzahlen und Clicks erhöhen. Aber erhöhte Gewinne sind da kaum zu erwarten. Ein Flickr-User wird ja nicht automatisch Google abspenstig, nur weil Flickr von Yahoo gekauft wird. Man hat wie erwähnt, einen Haufen Arbeitsplätze gestrichen. Das verbessert kurzfristig die Gewinnmarge. Aber Entlassungsproduktivität ersetzt keine zahlende Kundschaft. Es ist also auch nicht zu erwarten, daß sich der Kurs auf Grund einer Wertsteigerung der Firmensubstanz erhöht. Es gibt auch keine aufsehenerregenden Projekte, die vermuten lassen, Yahoo könnte das Ruder noch einmal herumreißen und Google schlagen.
Es gibt also keine Aussicht auf steigende Kurse, und es gibt keine Aussicht auf Gewinnausschüttungen. Warum sollte jemand also Anteilseigner von Yahoo werden wollen? Also keine Käufer, keine Kurssteigerungen, …
Was wollte Microsoft mit Yahoo? Das weiß scheinbar immer noch niemand. Zum einen wäre da natürlich der Name, der speziell bei Microsoft noch einen guten Klang hat. Es wäre auch der endgültige Sieg über einen harten Konkurrenten. Es gibt eine stagnierende aber noch große Nutzerbasis. Microsoft peilt mal wieder Softwarevermietung übers Netz an. Da hätte man eine Art Yahoo Office als Konkurrenz zu Google Office etablieren können. Das sind m.E. die zwei plausibelsten Spekulationen.
Es gibt aber wichtigere Spekulationen. Nämlich: Wieviel wäre Microsoft bereit gewesen, für Yahoo zu zahlen? Also haben sich viele Börsenanleger mit Yahoo-Aktien eingedeckt, als sie von Microsofts Übernahmeangebot erfuhren. MS hätte ihnen einen guten Preis bieten müssen. Und Microsoft kann sich einiges leisten. So ist der Aktienkurs von Yahoo explodiert. Zum einen hofften viele, Microsoft würde ihnen einen noch höheren Preis bieten, zum anderen haben viele auf den schnellen Anstieg der Yahoo-Aktien spekuliert und schnell gekauft, nur um beim ersten Anzeichen eines Kurseinbruchs schnell wieder zu verkaufen. Gleichzeitig hat Yang immer wieder klargestellt, daß es eine erfolgreiche Yahoo-Übernahme nur mit Zustimmung von Unternehmensführung und -belegschaft geben würde. Und diese Zustimmung war teuer:
Later the same day [i.e. 7.April 2008], Yahoo stated that the original $45 billion offer was not acceptable. [...] On May 3, 2008, Microsoft withdrew their offer. During a meeting between Ballmer and Yang, Microsoft had offered to raise its offer by $5 billion to $33 per share, while Yahoo demanded $37. (Quelle: Wikipedia)
Etwa 50 Milliarden Dollar? Für ein Unternehmen mit sich verschlechternden Aussichten bei einem bisherigen Rekordergebnis von 1,9 Milliarden Dollar Profit? Wann hätte sich dieser Kauf rechnen sollen? Nach 50-100 Jahren etwa? Nun hatten alle Yahoo gekauft, weil sie auf eine fette Auslöse von Microsoft hoffte. Nun hatte kaum jemand Yahoo verkauft, um auf Microsofts Käufe zu warten. Nun entschied Microsoft, daß man das Pokerlimit erreicht habe. Und alle sitzen auf Aktien, die bei weitem nicht wert sind, was man zuletzt für sie ausgegeben hatte. Mancher Spekulant wird auch mit kurzfristigen Krediten gekauft haben und musste jetzt verkaufen. Nu kauft kaum noch jemand. Und alle wollen verkaufen. Am Anfang wollten besonders viele verkaufen, weil sie noch einen möglichst hohen Preis haben wollten und wussten, daß der Absturz heftig wird. So stürzen Kurse.
Abstrafen? Niemand wurde abgestraft. Der kurzzeitig hohe Yahookurs war nur die Hoffnung auf Microsofts Kaufwillen. Als sie platzte, gab es keinen Grund mehr, für Yahooanteile hohe Preise zu zahlen.
Eng verwandt mit diesem Unsinn des Abstrafens an der Börse ist das Gerede, Massenentlassungen würden an der Börse belohnt. Daraus schlußfolgert der deutsche Michel dann gerne, eine Aktiengesellschaft müsse dauernd Leute entlassen, damit die Kurse oben bleiben.
Das ist ebenso Unsinn. Der Preis, den die Leute für das Eigentum an einer Firma zu zahlen bereit sind, richtet sich vor allem nach drei Dingen: Dem Wert der Firmensubstanz. Ein großer prall gefüllter Schrottplatz hat beispielsweise auch dann seinen Wert, wenn der Chef den Geschäftsbetrieb einstellt. Das ist der Verkaufswert der Rohstoffe, der Maschinen, des Grundstücks, des Markennamens, und so weiter. Zweitens gibt es die Hoffnung auf Gewinnbeteiligung, auf Dividente. Die Firma soll ja für die Eigentümer Geld ranschaffen. Außerdem ist ein fetter Gewinn der beste Sicherheitsabstand zwischen einer Firma und ihrem Untergang. Und das ist für den dritten Beweggrund zum Kauf von Aktien wichtig: Die Hoffnung, der Wert der Firma und damit der Wert ihrer Eigentumsanteile möge steigen. Diese drei Motive entscheiden, ob jemand Aktien kauft, verkauft oder behält. Der dritte Grund, die Spekulation auf die Zukunft, scheint vielen Menschen überhand genommen zu haben, aber diese Spekulationen hängen letztlich an den ersten beiden Motiven. Eine Firma mit schwächelnder Substanz oder mit sinkenden Erträgen weckt keine positiven Hoffnungen.
Und was hat das mit Massenentlassungen zu tun? Solche Entlassungswellen fallen nicht vom Himmel. Eine Firma stellt nach Möglichkeit immer so viele Leute ein, bis sich durch deren Arbeit der Gewinn nicht mehr steigern lässt. Wird eine neue ergiebige Einnahmequelle erschlossen, können das auf einen Schlag Tausende von Menschen sein. Oft werden solche “Masseneinstellungswellen” aus dem Verkauf von Besitzanteilen der Firma finanziert. Die Hoffnung auf steigende Gewinne, auf eine stabilere Zukunft, auf höhere Substanz sorgt dafür, daß diese Anteile auch gekauft werden. Oft schießt dabei der Aktienkurs der Firma in die Höhe. Anders sieht es aus, wenn die Firma in eine Krise gerät. Wenn der Gewinn schrumpft, wenn langsam sichtbar wird, daß man einen höheren Gewinn macht, wenn man sein Geld in Staatsanleihen anlegt, statt es in einer Firma zu riskieren. Und es absehbar wird, daß irgendwann die Löhne nicht mehr aus den Einnahmen gedeckt werden können, brennt die Luft. Dann droht die Pleite. Entsprechend sinkt die Zahl der Käufer von Firmenanteilen. Entsprechend steigt die Zahl derer, die aus der Firma rauswollen. Wenn dann in dieser Lage die Unternehmensführung die Hoffnung auf eine Bewältigung der Krise weckt, sinkt die Anzahl der Verkäufer, steigt die Zahl der Käufer. Maßnahmen, die solche Hoffnungen wecken sind Modernisierungen, Verlagerungen des Geschäfts auf aussichtsreichere Märkte, Abschluß profitablerer Verträge, Senkung der Lohnkosten, etc. Es sind also nicht die Entlassungen sondern die Hoffnung auf eine Bewältigung der Firmenkrise, die den Kurs hochtreiben.
Sowohl Einstellungen als auch Entlassungen können den Kurs hochtreiben oder abstürzen lassen. Wichtig ist nur, wie sich die Maßnahme voraussichtlich auf Zukunft der Firma auswirkt.
Siehe auch: Mythos Markt.
Foto: bea lehnhoff, „Die Nasdaq“
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Nachtrag: Ein Artikel in der New York Times zu den Hintergründen der geplatzten Yahoo-Übernahme.
