Kurzes Panorama
Verfasst von califax am Mittwoch, 16. April 2008
So, die wichtigsten Lesetipps kurz gesammelt:
Kachelmann rastet aus und veröffentlicht in der Welt einen furiosen Artikel über deutsche Wetteresoterik:
Aber sonst ist es ein Elend, vor allem wenn Sie ein wissenschaftlich arbeitender Meteorologe sind und es mit der kollektiven Gewalt des Wunderglaubens aufnehmen müssen. Allensbach hat 2006 gefragt, 56 Prozent der Deutschen haben geantwortet: Ja, wir glauben an Wunder. Und es werden täglich mehr, zumal sechs Jahre zuvor nur 29 Prozent diese Frage mit Ja beantwortet hatten.
[...]
Deswegen gibt es in deutschen Zeitungen Biowetter. Es ist zwar weltweit anerkannt, dass die Verbreitung von „Biowetter“ („kann es zu Konzentrations-/rheumatischen/wasweißichbeschwerden kommen“), wie das in Deutschland getan wird, zurückhaltend formuliert, grotesker Blödsinn ist. Liebe Chefredakteure: Nur eine kleine radikale Minderheit ist überhaupt wetterempfindlich.
[...]
Aber gucken Sie sich mal die Zeitungen in anderer Herren und Damen Länder an, werden Sie dort regelmäßig lesen, wie angeblich der Sommer wird? Nein. Und das hat auch seinen Grund. Erstens: Das weiß jetzt noch niemand so genau. Zweitens: Was man weiß, kann Energieproduzenten und Firmen helfen, aber nützt dem Normalbürger nichts.
[...]
Und weil wir so doll an Wunder glauben, glauben Wetterbauern an Hundertjährige und Chefredakteure an Wetterbauern. Und planen ihren Jahresurlaub nach dem Mond, denn bei Vollmond ist Wetterwechsel, sagen viele. So rund 56 Prozent. Denn wenn über Starnberg oder Celle Vollmond ist, ist er über Nord- und Südamerika, Afrika, Australien, über Knut und Flocke und über Nord- und Südpol genauso voll. Ändert sich denn das Wetter auf der ganzen Welt gleichzeitig? Nö. Glaubt sonst noch irgendjemand an so etwas? Nö. Aber zu irgendwas muss der Mond doch gut sein?
Alles lesen: Warum Wetterprognosen manchmal nichts taugen.
Ein ziemlich deprimierendes Tripel bei FDOG:
Heute, Mittwoch, sollten die Oellieferungen in den Gazastreifen wieder aufgenommen werden. Da kurz nach der letzten Lieferung die beiden Angestellten der Oelfirma ermordet wurden, macht es sehr viel Sinn, dass die IDF die Umgebung ueberprueft. Dass sich – nach Hamasangaben! – tatsaechlich vier Terroristen in unmittelbarer Naehe aufhielten, weist darauf hin, dass Hamas nicht besonders viel daran lag, die heutige Oellieferung glatt ueber die Buehne gehen zu lassen. Anscheinend sollte nachgebessert werden, s. Wiederholungszwang.
Lesen: Die Oellieferung in den Gazastreifen findet heute nicht statt.
Großbritanniens Geheimdienst MI6 hat festgestellt, daß Irans Revolutionsgarden Hunderte von Hamas-Kämpfern ausbilden, um sich diesen Sommer auf einen totalen Krieg gegen Israel vorzubereiten.
Die Elitebrigade der Gaza-Organisation Izzedine al-Quassam soll die südliche Front eines Angriffs auf den jüdischen Staat bilden, während die Hisbollah ihren Angriff gleichzeitig von Libanon aus durchführt. MI6-Analysten glauben, daß der Angriff gegen Ende der Bushregierung und der monatelangen demokratischen Kampagne stattfinden wird.
Lesen: Lesen im Kaffeesatz III (die grossen Zusammenhänge)
Und kurz und trocken, von den Palästinensern selbst geliefert, die semiotische Begründung, warum es völlig egal ist, was Israel tut; warum Frieden in der Gegend nur durch eine totale Niederlage der palästinensischen Bewegung analog zur Zerschlagung der Nazibewegung ‘45 erreicht werden kann: Vorbilder in der pal. Gesellschaft.
Heinz Eggert – seit er nicht mehr Innenminister ist, gibt es keinen Grund mehr, ihm den wohlverdienten Respekt zu verweigern – hat wieder etwas von sich hören lassen: “Verklärt und vergessen?” – neue Sehnsucht nach der DDR.
In der FAZ gibt es einen Artikel, der den islamistischen Terror beleuchtet und Fakten bringt, statt Phrasen zu dreschen. Sehr, sehr lesenswert: Deutschlands Staatsfeind Nummer eins ist tot.
Zum kritischen Dialog, der den Terror durch die Beseitigung von Mißverständnissen beseitigen soll:
“The problem is that they want to open a debate on whether Islam is true or not, and on whether Judaism and Christianity are false or not. In other words, they want to open up everything for debate. Now they want to open up all issues for debate. That’s it. It begins with freedom of thought, it continues with freedom of speech, and it ends up with freedom of belief. […] They want freedom of everything. What they want is very dangerous.”
Übersetzung von mir für die Leute, die nur Schulenglisch (oder gar kein Englisch) hatten:
Das Problem ist, daß sie eine offene Debatte darüber wollen, ob der Islam wahr ist oder nicht, und darüber, ob Judentum und Christentum falsch sind oder nicht. In anderen Worten, sie wollen alles zur Debatte stellen. Also sie wollen alle Themen zur Debatte stellen. Darum geht’s. Es beginnt mit Gedankenfreiheit, es geht weiter mit Meinungsfreiheit, und es endet mit Glaubensfreiheit. [...] Sie wollen Freiheit für alles. Was sie wollen, ist sehr gefährlich.
Bei denen gibt es durchaus keine Mißverständnisse. Bei unseren Suizidpazifisten schon. Sipol schließt:
Wie viele Islamisten und Muslime über das extremistische Spektrum hinaus lehnt er den Westen nicht in Folge eines “Mißverständnisses” ab, sondern weil er individuelle Freiheit für schädlich hält. Zwischen seiner Weltanschauung und liberal-demokratischer Weltanschauung herrscht ein zunächst nicht auflösbarer Widerspruch. Zusammen mit dem universellen Herrschaftsanspruch islamistischer Weltanschauung ist dieser Widerspruch ist die zentrale Ursache des Konflikts zwischen westlichen und islamistischen Akteuren. Aus westlicher Sicht ist der Konflikt nur durch Überwindung islamistischer Weltanschauung sinnvoll lösbar.
Das kann man so nur unterschreiben – Islamismus: “Mißverständnisse” als Ursache von Konflikten?
Der Zettel über Milbradt – Marginalie: Georg Milbradt und Ludwig Erhard. Und ein stilles Lächeln, das ich Kurt Biedenkopf gönne.
Die einzige wirklich lesenswerte linke Zeitung, die Jungle World, habe ich hier auf dem Blog noch gar nicht erwähnt, oder? Na denn: Wenn die Ulla mit dem Mullah. Lesen!
Und Ver.Di wieder – Ver.Di fordert von den klammen Kommunen mehr Geld, die protestieren wegen Zahlungsunfähigkeit, Ver.Di droht mit Streik, die Kommunen erklären, Lohnerhöhungen müssten durch Personalabbau, Gebührenerhöhungen, Leistungstreichungen etc. freigespart werden. Ver.Di setzt sich durch: Kommunen wollen massenweise Jobs streichen. Ver.Di tut verwundert: Es sei merkwürdig, dass nun im Nachhinein vor zu hohen Kosten gewarnt werde. “Offenbar soll der Tarifabschluss als Grund für ohnehin geplante Maßnahmen herhalten.” Lügen vor einem Publikum, daß die Wahrheit kennt. Wie kann man nur so dämlich sein?
Aber da habe ich mit dem letzten Link auch schon etwas sehr, sehr passendes. Gibt’s für eine Funktionärslaufbahn bei Ver.Di eine Altersbeschränkung?
Nachtrag: Afghanistan und Infanterie.