Gysis Rede
Verfasst von califax am Mittwoch, 16. April 2008
Die Achse des Guten hat Gysis Rede vom 14.4.2008 online gestellt. Sollte sich jeder selbst durchlesen. Mit einer vollständigen Bewertung halte ich mich zurück, bis ich sie mehrmals gründlich durchgesehen habe. Gysi ist kein Stammtischredner sondern gewiefter Jurist, stramm geschulter kommunistischer Kader und Theoretiker mit einem Faible für das Überdachen zerstrittener Parteiflügel. Die andernorts geäußerte Begeisterung teile ich jedenfalls nicht so ganz.
Ich habe in der DDR zu gründlich gelernt, bei Leuten wie ihm zwischen den Zeilen zu lesen. So findet sich bei seinen Forderungen zur Lösung des Nahost-Konflikts dann auch diese hier:
3. Israel darf nicht weiter versuchen, kulturell Europa im Nahen Osten zu sein, sondern muss eine kulturelle Macht d e s Nahen Ostens werden.
Was ist damit gemeint? Auf welche kulturellen Eigenschaften bezieht sich Gysi hier, wenn er diesen Gegensatz zwischen europäischer und nahöstlicher Kultur konstatiert? Zwangsehe vs. bürgerliches Recht, Gleichberechtigung vs. Patriarchat, Demokratie und Rechtsstaat vs. Stammesordnung und Klerikalrecht, staatliches Gewaltmonopol vs. Blutrache, Kunstfreiheit vs. Fatwamord, Minderheitenschutz vs. antisemitische Vernichtungsträume, Bildungsgesellschaft vs. Koranschule?
Man sollte eben erst lesen und denken, ehe man applaudiert…
Nachtrag: Da geht man mit dem Vorsatz ins Bett, am nächsten Tag der allgemeinen Begeisterung entgegen etwas Textanalyse zu betreiben, und fühlt sich dabei noch so richtig kuschlig gegen den Trend gestellt… Und dann wacht man auf, und das Textaufspießen hat schon lange begonnen. Ich bin einfach immer zu spät.
Sowas aber auch.
Nachtrag No. 2: Ein Kommentar von Zettel:
Die Kommunisten bereiten sich auf die Volksfront vor. Und da besteht jetzt die Aufgabe darin, die Partei fit fürs Regieren zu machen; und zwar in Berlin nicht im Roten Rathaus, sondern im Regierungsviertel. Natürlich mit dem Außenminister Gysi, denn als zweitstärkster Partner in einer Volksfrontregierung haben die Kommunisten auf dieses Amt einen Anspruch. Und weit und breit ist bei den Kommunisten keiner in Sicht, der das sonst könnte. Lafontaine scheidet aus, weil ihn die SPD niemals akzeptieren würde.
Kaa sagte
Dieser kritisierte Satz ist mir auch aufgefallen. Weniger als Zweifel an den Absichten Gysis, sondern als Frage, wie das denn gehen soll. Weitere kritische Sätze sind mir nicht aufgefallen. Sondern einige die sich wunderbar zitieren lassen. Mein Lieblingsspruch ist:
Ich habe mich auch gefragt, was Gysi mit dieser Rede will. Selbst wenn wir drauf kommen, daß die Sache einen Haken hat, kann man sie, nicht nur wegen diesem Spruch, wunderbar gegen Antiimperialisten verwenden.
califax sagte
Die Frage, die ich da stelle, ist ja auch nicht rhetorisch. Aber er wird doch wohl kaum meinen, die Israelis sollten mehr Zucker in den Tee schütten, oder? Also was fordert er da eigentlich? Was wollte er da andeuten, um es nicht klar auszusprechen?
Ich bin mir fast sicher, daß ich beim genauen Lesen über noch mehr Verklausulierungen stolpern werde, wenn diese dann auch nicht so deutlich sein werden.
califax sagte
Ein Kommentar beim Sauerkrautpazifisten: http://nbfs.wordpress.com/2008/04/16/sozialistische-parteienanatomie/#comment-4796