The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Seilschaften, Genossen und Stasi

Verfasst von califax am Freitag, 28. März 2008

Er verantwortet mit der Wochenendbeilage „Das Magazin“ und der Reportageseite 3 die intellektuellen Schaufenster der Zeitung. Dort werden die Verhältnisse in der zweiten deutschen Diktatur immer wieder nostalgisch verklärt.

Na und?

Laut Akte berichtete Leinkauf über die Freundschaft einer Kommilitonin „zu einem BRD-Bürger“, mit dem sie „ihren Urlaub in Bulgarien verbringen“ wolle - zu DDR-Zeiten ein höchst verdächtiges Zusammengehen mit dem Klassenfeind. Zu den „BRD-Kontakten“ einer Ex-Studentin führte IM „Gregor“ den Unterlagen zufolge aus, es sei „wahrscheinlich, dass sie auf Grund finanzieller Probleme, ihrem Interesse an guter Kleidung derartige Kontakte sucht“. Einen Mitarbeiter des Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR (IPW) wiederum bezichtigte er laut Konvolut, „trotzkistische Theorien“ zu verbreiten. Deswegen sei bereits „ein Parteiverfahren gegen ihn eingeleitet“ worden.

Na, er war doch jung und brauchte das Abenteuer. Freunde verraten und so. Wie sich das für Kommunisten halt gehört. Und als IM hat man die Leute ja auch nicht selber eingesperrt oder erschossen. Man hat sie vielleicht draußen ein bisschen zersetzt und so. Und an die ausgeliefert, die dann schießen und einsperren. Aber das ist was anderes. Da muss man differenzieren.

Solche Anschwärzungen finden sich auch in mehreren handschriftlichen Berichten, die Leinkauf mit seinem Decknamen „Gregor“ unterschrieben hat. Leinkauf sagt, er könne sich daran nicht erinnern: „Ich kenne meine Akte nicht.“ Laut dieser notierte er am 15. September 1975 zu den Männerfreundschaften einer jungen Frau, sie müsse es lernen, „nicht immer gleich intimere Beziehungen aufzunehmen, wenn man mal ein paar Schluck getrunken hat“. Der IM diagnostizierte, „dass dieses Problem psychologische Ursachen hat“. Verantwortlich dafür sei „ihr von Zeit zu Zeit gestörtes Verhältnis“ zu ihrem Freund, einem in West-Berlin lebenden Afghanen. Die Preisgabe derart pikanter Details aus der Privatsphäre anderer war selbst für eingefleischte Stasi-Zuträger nicht selbstverständlich.

Na also, eine trinkfreudiges Betthäschen! Muss man doch den Genossen melden! Soll doch jeder was von haben. Schon Marx hat gefordert, daß sich die Proletarier den Nutznieß an den Weibern gerecht teilen sollen.

Leinkauf sollte geeignete Kandidaten als Inoffizielle Mitarbeiter vorschlagen und ihre Anwerbung vorbereiten. Im HVA-Jargon war er ein „Werber“. Andere sollten „für eine direkte oder legendierte Zusammenarbeit für das MfS“ gewonnen werden. Diese verantwortungsvollen Aufgaben erforderten laut Stasi von Leinkauf „den Einsatz der ganzen Person sowie ein hohes politisches Wissen und Verantwortungsbewusstsein“.

Siehste! Er war ganz solidarisch und hat auch anderen tolle Karrierechancen geboten.

Bekannt ist dagegen, dass Leinkauf nach Abschluss seines Studiums in der „Berliner Zeitung“ rasch Karriere machte. Das Parteimitglied trat 1979 zunächst in das außenpolitische Ressort ein. 1983 durfte er im Ostberliner Parteiverlag Dietz unter dem Titel „Was gilt der Mensch?“ ein Traktat mit Gruselmärchen über „Alltag im Kapitalismus“ veröffentlichen. Als Zeitungsredakteur erklärte er die Bundesrepublik zu einem Hort von Neonazis, in der eine kriminelle Atommafia ihr Unwesen treibe.

Karriere eben. Als kritisch engagierter Journalist mit geschultem Blick für die marxistische Analyse gesellschaftlicher Umstände. Oder wie man das halt so nennt.

Im Herbst 1989 durfte ein für damalige Verhältnisse moderat kritisches Interview, das sein Freund Alexander Osang mit dem Volkskammerpräsidenten Horst Sindermann geführt hatte, nicht gedruckt werden. „So ein Interview würde die Erneuerungsbemühungen der Partei untergraben“, soll Leinkauf nach Erinnerung des heutigen „Spiegel“-Reporters Osang zur Begründung gesagt haben.

Das ist verantwortungsvolles Handeln. Jeder weiß doch, daß man nur mit Dialog und Verständnis aber nie mit Kritik weiterkommt. Nachher wäre durch Kritik noch der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat gescheitert. Dann wären wir DDR-Bürger an den faschistischen ausbeuterischen Westen gefallen! Upsalla.

Die „Berliner Zeitung“ ernannte ihn 1991 zum Leiter der Reportergruppe und übertrug ihm 1998 schließlich die Verantwortung für die Wochenendbeilage „Das Magazin“.
Ausgerechnet dort erschien am 12. Januar dieses Jahres eine zweiseitige Abrechnung mit dem Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, der als entschiedener Stasi-Aufklärer gilt. In dem Stück mit dem Titel „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren“ des freien Autors Paul Kaiser wurde Knabe als unseriöser Wissenschaftler verunglimpft, den kaum noch jemand ernst nehmen würde. Der Bericht liest sich wie eine klassische Stasi-Zersetzungsmaßnahme.

Weil der Artikel zahlreiche Falschbehauptungen enthielt, musste die „Berliner Zeitung“ eine ungewöhnlich umfangreiche Gegendarstellung abdrucken und eine weit reichende Unterlassungserklärung abgeben. Angesichts der Verstrickung des Ressortleiters Leinkauf fällt es schwer zu glauben, dass der Beitrag ohne tiefere Absicht ins Blatt gehievt wurde. Ehemalige DDR-Geheimdienstleute zitieren daraus genüsslich auf ihren Internetseiten.

Und wenn erst die Partei wieder am Ruder ist, wird der Sozialismus siegen! Jawoll, Genosse!
Der ganze Artikel: “Berliner Zeitung” nach Stasi-Fund in Bedrängnis

Ich geh derweile mal kotzen.

Nachtrag: Spiegel - Große Bühne, tiefer Fall

Nachtrag No 2: Wie der Rechtsstaat Täter und Opfer verwechselt - Mit IM Schubert kam die Angst zurück.

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