The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Nachtrag zum GDL-Streik

Verfasst von califax am Freitag, 7. März 2008

Wenn man eine Sache etwas besser begreifen will, muss man sie immer aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, denn jeder Blickwinkel zeigt andere Facetten und Ansichten der Sache. Ich glaube, daß der wirtschaftlich-technische Blickwinkel den zugrundeliegenden Konflikt zeigt, der die Lokführerstreiks bis zum weitestgehenden Ende des Berufs antreiben wird. Zumal die zunehmende Marginalisierung des TFs in modernen Zügen auch das Denken des Bahnmanagements bei Lohnüberlegungen beeinflussen muss.

Ich glaube nicht, daß die GDLer im internen Meeting sagen: “Hey, Leute! Wir saufen ab, laßt uns noch schnell die Schiffskasse plündern!” :) Es ist sogar gut möglich, daß man dort versucht, die Konsequenz des technischen Fortschritts zu verdrängen. Aber die zunehmende Bedrohung ist für technisch interessierte Bahner einfach nicht zu übersehen. Man kann sie wirklich nur verdrängen. Sie lauert also bei allen Überlegungen, Strategietreffen und Verhandlungen im Hinterkopf. Oder als Druck in der Magengrube – wie man es nimmt. :) Der Druck wird zunehmen.

eisenbahn-web.jpgFoto: fotopit, „Abendstimmung“
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Ein weiterer Teil des Drucks im Konflikt kommt aus der langen Lohnzurückhaltung der Lokführer. Die nur scheinbar aberwitzige Forderung von 30% Lohnerhöhung ergab sich aus ganz realistischen Berechnungen des Reallohnverlustes seit der letzten echten Lohnerhöhung. Nun ist die Bahn im Zuge der Privatisierung dabei, sich in immer weitere Tochtergesellschaften aufzuspalten, wobei die Lokführer auf verschiedene Gewerkschaften in verschiedenen Vertragsgebilden verschiedener, potentiell konkurrierender, Firmen verteilt werden. Die Felle schwimmen also davon. Da drängt sich aus Sicht der GdL das Bild eines Cowboys auf, der naiverweise seinen Lohn beim Boss deponiert hat – und jetzt schnappt sich dieser Boss die Kasse und galoppiert nach Mexico. Nicht unbedingt rational – aber sehr motivierend.

Noch eine psychologische Facette: Der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Mehdorn-Air möchte gern ein glitzerndes Hochglanzunternehmen sein, und die Lokführer gelten traditionell noch immer als Helden. Im ICE kommt noch der Versuch hinzu, das Personalimage von Fluglinien zu übernehmen. Die Wirklichkeit ist aber ein völlig desolates, halbtotgespartes, an veralteter Technik und überbordender selbstverschuldeter Bürokratie leidendes Monster – eine Chimäre aus zertrümmerter Behörde und unterfinanzierter Firma mit unmöglichen Arbeitsbedingungen an der Kundenfront und miserablen Löhnen. Während der letzten Streiks stellten viele Kunden fest, daß sich das eh schlechte Leistungsniveau der Bahn durch die Ersatzfahrpläne nicht noch nennenswert verschlechtert hätte. Die Angestellten haben das nicht überhört. Auch das erzeugt Wut und Frust. Daher auch die Härte, mit der die Arbeitskämpfe ausgetragen werden.

Und eine weitere Facette des ganzen Theaters sind die Machtkämpfe, die, von der Presse weitestgehend ignoriert, zwischen den einzelnen Gewerkschaften stattfinden. Der Stern hat in einem kurzem aber guten Kommentar den machtpolitischen Blickwinkel genutzt und gezeigt, worum es bei den zu unterzeichnenden Verträgen geht, und warum niemand die erste Unterschrift leisten will: http://www.stern.de/wirtschaft/unternehm…iel/613088.html

(Nachtrag zu Aussterbende Berufe und der Kampf ums Geld)

Nachtrag: Siehe auch Der Mythos Verhandlungen

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