The Outside of the Asylum

Wer wird uns vor denen schützen, die wir zu unserem Schutz rufen?

Aussterbende Berufe und der Kampf ums Geld

Verfasst von califax am Freitag, 7. März 2008

  • Schon lange auf der Liste der ausgestorbenen Berufe: Flößer. (Wurden ersetzt durch LKW und Eisenbahn.)

  • Seit kurzem auf der Liste der ausgestorbenen Berufe: Telefonistinnen. (Wurden ersetzt durch Telefonanlagen und Selbstwahlprotokolle)

  • Schon länger auf der Liste der aussterbenden Berufe: Briefträger. (Werden ersetzt durch E-Mail und Web.)

  • Frisch auf der Liste der aussterbenden Berufe: Lokführer. (Werden ersetzt durch einige Hundert Zeilen einfacher Programmcode plus Abstandspeilgerät und Internetprotokoll.)

hdr_verladebahnhof-web.jpgFoto: w0mb4t, „Verladebahnhof bei Nacht“, Some rights reserved.

Die Bahn wird noch einen Haufen Lokführerstreiks erleben, und auf vernünftige Kompromisse zu hoffen, ist naiv.

Für Mehdorn zählt nicht so sehr der Lohn des Lokführers. Der ist unter dem ganzen Batzen Geld, den man braucht, um einen Zug von A nach B zu schleusen, ziemlich unwichtig. Es geht schlicht um den Neid zwischen Arbeitskollegen. Wenn die einen 30% mehr kriegen, sind die anderen auch nicht mehr mit 5 oder 10% zufrieden. Der reale Lohn spielt dabei keine Rolle, es geht um das prozentuale Mehr. Ein Erfolg der GDL würde die anderen Bahngewerkschaften zu Streiks zwingen. Und dann würden die Lohnkosten tatsächlich explodieren. Und die Einnahmen würden wegen noch höherer Streikfrequenz bei immer mehr Einzelgewerkschaften und immer höheren Forderungen immer mehr einbrechen.

Für die Lokführer wäre Lohnzurückhaltung aber geradezu idiotisch. Zum einen werden sie eh lausig bezahlt. Richtig lausig: Hartz IV wäre bei vielen eine Verbesserung des Lebens. Zum anderen haben sie in ihrem Beruf keine Zukunft. Zur Zeit kann man sie noch nicht ersetzen. Die alten Dieselsäufer im Nah- und Güterverkehr wird niemand umbauen wollen. Bei den moderneren Triebwagen für IC und ICE will der Kunde noch einen TF vorne sitzen haben. Technisch wäre ein Computer mit Kollisionsdetektor besser. Die Bastelei an vollautomatischen Zügen hat in Eisenbahn und U-Bahn längst begonnen. Die DB wird früher oder später auch zugreifen. Spätestens dann, wenn genügend Passagiere gelernt haben, daß eine “führerlose” U-Bahn sicher ist…

ICE 1
Foto: jusafa61, „ICE 1“, Some rights reserved.
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Als Lokführer kann man jetzt also nur versuchen, soviel Geld wie möglich abzugreifen, bis die nächste Modernisierungswelle kommt. Große Jobverluste wegen der Lohnforderungen sind für die Triebwagenführer in nächster Zeit eigentlich kaum zu befürchten, da das TF-Personal eh schon über die Belastungsgrenze hinaus ausgedünnt ist.

Da gibt’s für Mehdorn natürlich eine Möglichkeit: Lokführer werden durch schlechter bezahlte Kollegen in Zeitarbeit ersetzt. Deshalb blockiert die GDL auch wie wild, solange sie nicht auch die Zuständigkeit für die Zeitarbeiter unter den TFs kriegt und auch weiterhin eigenständig für höhere Löhne streiken kann.

Daher: Die Lokführer können eh nichts daran ändern, daß es sie in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. Sie müssen sich jetzt holen, was sie noch kriegen können, denn mit den gegenwärtigen Löhnen haben sie anders keine Chance, Vorsorge für die Zeit der automatischen Triebwagen zu treffen. Sie handeln also ganz genauso wie jeder Besitzer einer sich bald erschöpfenden aber noch relativ konkurrenzlosen Ertragsquelle. Also wie ein Besitzer von Öl- und Gasquellen zum Beispiel. Erkennt jemand ein Muster? ;) Das ist eine Sache, die bei Diskussionen gerne vergessen wird - auch für Arbeitnehmer gilt das Gesetz der Gewinnmaximierung.

Die Bahnführung darf wiederum genau das nicht zulassen, um die zukünftige Streikgefahr nicht noch zu erhöhen und die allgemeinen Lohnkosten unter Kontrolle zu halten.

Meta:

Hier folgen jetzt noch ein paar Importe. Ich habe diese Artikel für das Kleine Zimmer in einer Diskussion um die GDL. geschrieben, weil man bei den dortigen Diskussionen IMHO oft vergisst, Probleme gründlich genug aus der Sicht der Arbeitnehmer zu betrachten. Aber wenn es um Streiks geht, spielen die ja schon eine Rolle, oder?

Nachtrag: Siehe auch: Nachtrag zum GDL-Streik und der Mythos Verhandlungen

Nachtrag No. 2: Siehe auch Ver.Di Gewerkschaft hat, braucht keine Feinde mehr…

Nachtrag No. 3:

RUBIN hat alle Hürden genommen: Dem regulären Fahrgastbetrieb auf der ersten automatisierten U-Bahn-Linie Deutschlands ab 15. Juni 2008 steht nichts mehr im Wege

Quelle: RUBIN-Projektnews (Realisierung einer automatisierten U-Bahn in Nürnberg)

2 Antworten zu “Aussterbende Berufe und der Kampf ums Geld”

  1. ephemeridenzeit sagt:

    In diesem Zusammenhang ist außerdem noch die wegweisende Kreativität des Bahnvorstandes zu verwähnen, einmal ausgehandelte Verträge nicht zu unterschreiben und stattdessen zusätzliche Grundlagenverträge aus dem Hut zu zaubern. Solches Gebaren macht doch Lust auf mehr! Mieter ignorieren Zusagen an Vermieter, Banken all das, was man den Kunden verspricht und wenn man eine Straßenbahnkarte kauft, darf man nach der Hälfte des Wegs aussteigen. Zuverlässigkeit und der berühmt berüchtigte Handschlag, mit dem man einst einen Vertrag besiegelte, sind doch eh nur Sekundärtugenden aus der Mottenkiste der Wirtschaftsgeschichte. Nur provoziertes Chaos setzt Energie und Fantasie frei! Insofern Hut ab vor so viel Pioniergeist des Bahnvorstandes!

  2. califax sagt:

    Tja, die Sache mit dem Grundlagenvertrag war wohl das, was man bei Tiefensees Marketingaktion ausgeklammert hatte. So ist das halt. Wenn Politiker glänzen wollen, lassen sie erstmal Nebensächlichkeiten unterschreiben und klammern den Kern des Konflikts schön aus. Was das bringen soll? In der Sache nichts, aber man glänzt so schön. ;)

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