Es gibt manchmal solche Tage, an denen man plant. Man plant, was man alles tun möchte, damit man es nicht schafft, das zu erledigen, das man nicht tun möchte.
Und deshalb sitze ich gerade hier und schaue mir alles mögliche an und denke daran, was ich noch alles lesen und analysieren muß, damit ich nicht zu den Bücherregalen hinüberschauen muß. Der erste Teil der Kondenswasserschimmelkatastrophe ist ja auch überstanden. Hygrometer und Thermometer und nach mordsmäßig robuster Chemie aussehende polnische Luftentfeuchter sind im ganzen Haus verteilt. Die Wand hinter dem Sofa ist ok. Die Wand hinter dem Küchenschrank auch. Anti-Schimmelgrundierung und flüssige Raufaser stehen bereit. Stellt sich noch die Frage: Wie sieht die Tapete hinter der Bücherecke aus?
Ich will das nicht wissen. Ich will einfach nicht. Ich will hier sitzen und gewichtige oder wenigstens klug aussehende Texte lesen, Offenbacher üben, endlich hebräische Druckschrift lernen, vielleicht anfangen, mich mal näher mit Datenbankformaten für Rechtschreibkorrektursysteme zu beschäftigen. Ich will die Regale nicht ausräumen, die Schränke nicht wegschieben und schon gar nicht will ich die Tapete sehen. Ich will mir einfach noch bis zum Wochenende einreden, es wäre alles in Ordnung.
Und ich bin damit ja nicht allein. Wer in den letzten zwei Wochen im deutschsprachigen Web unterwegs war, wird auf viele gestoßen sein, die genauso angestrengt versuchen, eine andere Makulatur zu übersehen oder in ein schönes Licht zurücken. Ich kann das sehr gut verstehen. Nicht nur wegen der Tapete. Wer als kleines Licht für eine Partei Wahlkampf macht und von der Ideologie dieser Partei tatsächlich begeistert ist, steht nach der Wahl mehr unter Druck als vorher.
Und wer sich richtig reinhängt und – wie es die Parteizentralen fordern – Freunde und Bekannte mit Argumenten und Losungen überzieht, braucht wahrscheinlich jedesmal eine volle Legislaturperiode, um all die Freundschaften zu ersetzen, die bei der verzweifelten Jagd auf Wählerstimmen verlorengegangen sind.
Und dann sitzt man da und äugt auf die Zeitungsschlagzeilen und schließlich auf den Link zum Koalitionsvertrag, und man steht unter Rechtfertigungsdruck. War es das wert? Hat irgendwer irgendetwas erreicht? Da gab es lange, ellenlange Wunschzettel wie zur Vorweihnachtszeit – nur viel länger und sehr viel teurer. Das muß jetzt alles rein in diesen Vertrag. Und wenn es um die steuerliche Absetzbarkeit von Pferdebürsteninvestitionen in internationalen Reitwettbewerben innerhalb der EU geht – das muß man wiederfinden.
Ein jeder muß sich wiederfinden, und so arbeiten die Ausschüsse Tag und Nacht und stellen Sprachformeln am Fließband her. Dann hat die Basis was in der Hand. Dann hat sie ihr Jodeldiplom.
Bei der einen Makulatur habe ich Angst davor zu wissen, was sie enthält. Deshalb will ich sie nicht sehen. Ich muß aber, weil sich darauf die Entscheidung findet, wie es weitergeht. Die andere Makulatur wollen manche endlich sehen, weil sie Angst vor dem haben, was nicht draufsteht. Dabei ist ihr Inhalt für die Zukunft eher unwichtig.
Politik entsteht in Machtkämpfen, in der Reaktion auf äußere Umstände und in einer ständigen Wechselwirkung mit dem Rest der Welt. Ob etwas aus einem Parteiprogramm umgesetzt wird, entscheidet kein Koalitionsvertrag sondern die Fülle aller Umstände, Ereignisse und Machtkämpfe während der Legislaturperiode.
Einen ersten Eindruck von der neuen Windrichtung werden wir in hundert Tagen haben. Bis dahin sitzen wir alle nur vor unserem Computer und versuchen krampfhaft, nicht an dieses störende Stück Makulatur zu denken. Und die einen lesen Koalitionsverträge. Ich ignoriere die Bücherecke. Deutschland im Herbst.